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Luisenthal in Völklingen im Wandel zwischen Bergbau und Zukunft

Tränen in der Völklinger Hütte : Luisenthal in Völklingen – Im Wandel zwischen Bergbauvergangenheit und Zukunft

Luisenthal ist ein Völklinger Stadtteil, der von Ortsfremden häufig übersehen wird. Und das, obwohl die alten Fördertürme der Grube kilometerweit sichtbar sind. In einer Serie befasst sich die SZ mit der Bergbau-Vergangenheit des Ortes und den großen Veränderungen, die in der Zukunft auf Luisenthal zukommen könnten.

Und dann musste Ulrike Müller plötzlich anfangen zu weinen. Sie versuchte noch, die Tränen zu unterdrücken, doch es musste einfach aus ihr raus. Obwohl sie eigentlich grade in ein Mikrofon sprechen wollte und ein Raum voller Zuhörerinnen und Zuhörer auf ihre Antwort wartete. Was war passiert?

Schon seit vielen Jahren setzt sich Ulrike Müller für den Stadtteil Luisenthal ein, unter anderem sitzt sie für die CDU im Völklinger Stadtrat. In dem Völklinger Stadtteil, der an Saarbrücken angrenzt, wohnt sie schon ihr ganzes Leben lang. Müller hat die Zeiten erlebt, als der Kohleabbau in Luisenthal noch täglich tausende Bergmänner in den Ort zog. Sie hat erlebt, wie jedes Jahr an das Grubenunglück von 1962 gedacht wurde, das 299 Bergleute das Leben kostete. Als 2005 der Kohleabbau vor Ort endete, engagierte sich die Luisenthalerin, um das nun ungenutzte Bergbaugelände neu zu gestalten.

Doch trotz der Bemühungen vieler Bürgerinnen und Bürger, trotz großer Pläne der Grundstückseigentümer und trotz der zentralen Lage des Geländes mitten im Saartal passierte Jahre lang – nichts. Mitten in Luisenthal herrscht Stillstand.

Die alten Fördertürme auf der Tagesanlage sind gut sichtbar für jeden, der im Zug, im Auto oder auf dem Fahrrad die Saar entlang fährt. Eine Landmarke, die man sofort wiedererkennt. Das Gelände selbst und die zugewachsene Halde direkt daneben sind jedoch verschlossen  und bleiben seit Jahren ungenutzt.

Auf einer Rundfahrt durch Luisenthal zeigt Ulrike Müller, was den Stadtteil ausmacht. Sie kann zu jeder Ecke etwas erzählen, und überall tun sich neue Baustellen auf.

Das ikonische Bahnhofsgebäude im Zentrum des Orts wurde zu einem Spottpreis an Privateigentümer verkauft, das sanierungsbedürftige Gebäude ist in einem schlechten Zustand. Der dazugehörige Bahnhof ist nicht barrierefrei und wirkt verkommt. Die Luisenthalbrücke über die Saar ist so marode, dass sie abgerissen und nur wenige Meter daneben neu aufgebaut werden soll.

Die Straße des 13. Januar durchschneidet den Stadtteil am unteren Ende und ist oft von Autos verstopft, obwohl parallel zur Bundesstraße auch noch die Autobahn verläuft.

Der obere Teil Luisenthals ist nur über eine längere Umfahrung durch eine enge Eisenbahnbrücke zu erreichen. Dort stehen noch viele Bergmannshäuser im Schatten der bewaldeten Halde. Die künstliche Erhöhung könnte ein grünes Erholungsgebiet sein, darf jedoch offiziell nicht betreten werden.

Auf der Rundfahrt zeigt Ulrike Müller mehrmals nach links und rechts und erklärt: „Das gehört alles der RAG.“ Auch wenn der aktive Bergbau lange vorbei ist, die Präsenz der Ruhrkohle AG im Ort ist unübersehbar. Das größte Grundstück der RAG in Luisenthal ist das alte Bergbaugelände, das den oberen und unteren Ortsteil genau in der Mitte trennt. Die alte Grube zeugt von der einstigen wirtschaftlichen Bedeutung Luisenthals und ist gleichzeitig ein Zeichen des jahrelangen Stillstands. Die zerfallenen Gebäude auf dem ungenutzten Gelände sind für die Luisenthaler ein Mahnmal für die vielen Jahre, die sie nun schon darauf warten, das Zentrum ihres Heimatortes wieder mit Leben füllen zu können. „Wir wollen endlich das Gelände zurück“, ist der Tenor, der sich durch alle Gespräche mit Luisenthalern zieht.

Der Stillstand beschäftigt Ulrike Müller nun schon lange und hatte seinen Anteil für ihren Gefühlsausbruch in der Erzhalle der Völklinger Hütte. Dort fand eine Veranstaltung statt, bei der Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur voller Zuversicht über die Zukunft des Standortes Luisenthal sprachen. Es fehle quasi nur noch eine gute Idee für das große Gelände, meinte Ralf Beil, Generaldirektor der Völklinger Hütte. Die könne man aber dann nur mit einer Finanzierungshilfe vom Land umsetzen, warf Oberbürgermeisterin Christiane Blatt ein. Um auch mal die Luisenthaler zu Wort kommen zu lassen, wurde Ulrike Müller im Publikum das Mikrofon gereicht. Sie wollte endlich loswerden, was sie schon so lange beschäftigt, doch es ging einfach nicht. Nur mit tränenerstickter Stimme konnte Müller noch sagen, wie sehr es sie freuen würde, dass Luisenthals Zukunft endlich die Aufmerksam bekommt, für die sie schon so lange kämpft.

Einige Wochen später erinnert sich Ulrike Müller immer noch leicht beschämt an den Abend in der Völklinger Hütte zurück. „Ich bin hier im Ort diejenige, die das Thema immer wieder bei jeder Gelegenheit vorträgt und bin deshalb sehr emotional dabei. Ich hab da mit all meinen Unterlagen gesessen, und als die Tränen gekommen sind, dachte ich nur: Oh Nein!“ Trotz allem hatte die Veranstaltung eine positive Wirkung auf Sie: „Ich habe wieder Hoffnung geschöpft. Auf dem Gelände muss jetzt einfach was passieren, denn es liegt ja mitten im Ort!“.

Ulrike Müller ist mit ihrem Optimismus nicht allein. In Gesprächen mit der RAG, der Stadt und Menschen vor Ort klingt immer wieder die Hoffnung durch, dass sich endlich etwas bewegt im Ort. Die Vorzeichen stehen wohl so gut wie nie zuvor.

 Ulrike Müller, Mitglied der CDU und des Völklinger Stadtrats Foto: BeckerBredel
Ulrike Müller, Mitglied der CDU und des Völklinger Stadtrats Foto: BeckerBredel Foto: BeckerBredel

Im nächsten Teil werfen wir einen Blick darauf, was für eine Bedeutung die alte Grube für die Zukunft Luisenthals, die Stadt Völklingen und das angrenzende Saarbrücken haben könnte.