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Lutz Gillmann und die Orgel der Versöhnungskirche Völklingen

Serie Orgeln im Regionalverband : Das musikalische Herz der Versöhnungskirche

Die Völklinger Walker/Schuke-Orgel gilt als die größte evangelische im Saarland und hat ihre Stärke in der deutschen romantischen Orgelmusik.

VÖLKLINGEN Die zentral in der Völklinger Innenstadt gelegene Versöhnungskirche ist ein Schmuckstück: Bis 1968 hieß das evangelische Gotteshaus „Erlöserkirche“. Als es in den Jahren 1926 bis 1928 im rheinisch-fränkischen neobarocken Stil erbaut wurde, standen die Saarbrücker Ludwigskirche und andere Stengelbauten sozusagen optisch ein wenig Pate.

Die Völklinger Versöhnungskirche darf eine besonders große und schöne Orgel ihr Eigen nennen, die nach einer umfangreichen Reparatur seit März wieder in altem Glanz erstrahlen kann. Sie soll in unserer Orgelserie nicht fehlen. Der Organist Lutz Gillmann nutzte die Gelegenheit, um am Abschlusstag der Instandsetzungsarbeiten ins Innere des stattlichen Instruments zu steigen – und so ein paar knappe, aber spannende Blicke auf das Heer der dort beheimateten rund 4000, teils erstaunlich angeordneten Orgelpfeifen zu ermöglichen, über die er sonst von der Orgelbank aus musikalisch zu gebieten pflegt.

Lutz Gillmann, Pianist, Cembalist und Organist, seines Zeichens Lehrbeauftragter der Hochschule für Musik Saar (HfM), Lehrer an der städtischen Musikschule Saarbrücken und Korrepetitor der Darmstädter Akademie für Tonkunst, zählt zu den agilsten Musikern im Saarland mit den Schwerpunkten Alte und Neue Musik. Der Chef verschiedenster Ensembles wie La rosa dei venti und ConAffetto (Mitglieder-Orchester der Akademie für Alte Musik im Saarland) ist seit 2015 Kirchenmusiker an der Völklinger Versöhnungskirche, wo ihm neben den Organistenpflichten obendrein die Leitung des Gemeindechores obliegt. So wie Lutz Gillmann „seine“ Orgel bis in die Eingeweide hinein kennt, so vertraut ist der Vollblutmusiker mit ihrer Geschichte: „Erbaut wurde sie in den Jahren 1929 und 1930 von der Ludwigsburger Orgelbauwerkstatt Eberhard Friedrich Walcker“, erzählt Gillmann, „die Einweihung war am 24. März 1930.“ In der Fachwelt wurde das Instrument sogleich als „Vorbild“ und als „Richtung weisend für den Orgelbau im ganzen Saargebiet“ gepriesen.

Bald habe sich freilich herausgestellt, „dass die elektropneumatische Spieltraktur, also die Verbindung von der Taste zur Pfeife, sehr störanfällig war und zunehmend Defekte aufwies“, berichtet Gillmann. „Kriegsschäden und Luftverschmutzung taten ein Übriges, bis in den 70er-Jahren das Instrument schließlich unspielbar geworden war.“ Anno 1979 wurde die stattliche Walcker-Seniorin dann durch die Berliner Orgelwerkstatt Karl Schuke renoviert. Dabei legte man Wert darauf, „das Pfeifenmaterial und den Klangcharakter im Wesentlichen zu erhalten, die technische Anlage aber solide zu modernisieren, so unter anderem die Elekropneumatik durch eine mechanische Spiel- und elektrische Registertraktur zu ersetzen.“

Seit dieser Aktion gilt „die Walcker/Schuke-Orgel als die größte evangelische Kirchenorgel im Saarland“, sagt Gillmann. Nahezu 4000 Pfeifen aus Zinn, Zink und Holz sind hier verteilt auf 54 Register. Die Orgel gliedert sich in vier sogenannte Werke, Hauptwerk, Schwellwerk, Rückpositiv und Pedal, und wird von einem zentralen, freistehenden Spieltisch mit drei Manualklaviaturen und einer Pedalklaviatur aus gespielt. „Die Firma Schuke war es auch, die 2015 eine nach über 35 Jahren nötige Generalreinigung durchführte, bei der zudem eine elektronische Setzeranlage eingebaut wurde“, so Gillmann. Zur jüngsten Reparatur in Kommission von Schuke: „2020/21 musste die Orgel abermals länger schweigen – wegen eines Gebläseschadens war sie im November stillgelegt worden. Ein neues Gebläse wurde bestellt, extra angefertigt, geliefert und eingebaut, sodass sie seit März wieder erklingen kann“, berichtet der Hausorganist, der des Lobes voll ist für das Instrument: Es biete ein „riesiges, vielseitiges Klangspektrum und harmoniert sowohl optisch als auch akustisch gut mit dem Kirchenraum. Der Prospekt, also das, was Besucher von der Orgel sehen, aus Holz und Blattgoldverzierungen fügt sich organisch in dessen Architektur ein; und durch die separate Empore wirkt die Orgel in der Kirche nie zu laut oder schrill“.

Die herausragende Stärke der Völklinger Orgel ist die Darstellung deutscher romantischer Orgelmusik, so Gillmann: „Ich hatte hier Schlüsselerlebnisse mit Werken der Spät-Romantiker Max Reger, Sigfrid Karg-Elert und Heinrich Kaminski in deren Jubiläumsjahren 2016 und 2017.“ Mit besonderer Freude erinnert sich der Organist etwa an ein Konzert – anlässlich der Generalreinigung des Instruments – gemeinsam mit Reinhard Ardelt, Gillmanns Vorgänger in Völklingen, im April 2016 und an ein großes Chor- und Orchesterkonzert zur Eröffnung der Jahrestagung der Karg-Elert-Gesellschaft im Mai 2019. Darüber hinaus finden seit Jahrzehnten regelmäßige Konzertreihen statt: Seit 1997 bereits lädt der Freundeskreis für Musik in der Versöhnungskirche (Gillmann ist dessen künstlerischer Leiter) ein, und seit 2001 gibt es ein grenzüberschreitendes Orgelfestival der Städte Völklingen und Forbach, mit Gillmann im künstlerischen Gremium. In diesem Rahmen initiierte der Organist Kooperationen mit der Akademie für Alte Musik, so im Rahmen der Tage Alter Musik im Saarland (TAMiS).

Nach Corona ist es dem regen Kirchenmusikus „zunächst am wichtigsten, unsere bereits existierenden Formate erst einmal wieder aufnehmen zu können“. Doch wo Lutz Gillmann unterwegs ist, herrscht auch kein Mangel an Ideen. So „inspirierten die Zeitläufte“, wie er sagt, zu neuen Projekten: „Musikalische Gottesdienste“ jeweils mit einem besonderen musikalischen Schwerpunkt, zum Beispiel die kleine Reihe „Die Orgel – Instrument des Jahres 2021“. Oder auch Termine, die wenig bekannte Komponisten würdigen. „Die Völklinger Versöhnungskirche und ihre Walcker/Schuke-Orgel sind nicht unbekannt, aber immer noch eine Art Geheimtipp“, sagt Lutz Gillmann. „Und so würden wir uns freuen, viele Interessierte bei uns zu begrüßen – zu Gottesdiensten und hoffentlich bald wieder auch zu Konzerten: Es lohnt sich!“

Musikalische Gottesdienste unter dem Titel „Die Orgel – Instrument des Jahres 2021“ in der Versöhungskirche gibt es am Samstag, 19. Juni, 18 Uhr, Sonntag, 4. Juli, 10 Uhr, und Sonntag, 11. Juli, 19 Uhr . Programm und Anmeldung unter versoehnungskgm.voelklingen@ekir.de, Tel: (06898) 22137

 Lutz Gillmann beim Gang durch die „Eingeweide“ der Orgel.
Lutz Gillmann beim Gang durch die „Eingeweide“ der Orgel. Foto: KERSTIN KRAEMER

www.versoehnungskirche-voelklingen.de