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Wird Obdachlosigkeit in Völklingen zu einem größeren Problem?

Beratungsbedarf nimmt stark zu : Diakonie prangert „prekäre“ Situation an: Obdachlosigkeit bedroht Menschen in Völklingen

In Völklingen gibt es im Haus der Diakonie eine Beratungsstelle für Menschen ohne Obdach oder die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Der Beratungsbedarf hat stark zugenommen. Betroffen sind auch Personen, von denen man es nicht erwartet hätte.

Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten, sei es durch Überschuldung, Arbeitslosigkeit, Scheidung oder aus anderen Gründen, kann das Leben schnell entgleiten. Schlimmstenfalls verlieren sie ihre Wohnung. Wer kein Dach über dem Kopf hat oder von Obdachlosigkeit bedroht ist, der findet in Völklingen im Haus der Diakonie in der Gatterstraße Unterstützung: „In diesem Jahr hatten wir bisher 162 Einzelpersonen in der Beratung, 101 Männer und 61 Frauen“, berichtet Sozialarbeiterin Sabrina Sofka-Hell im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Zahl der Beratungen ist im Vergleich zum Vorjahr schon jetzt stark gestiegen: 2020 suchten insgesamt 136 Personen Hilfe. Den Grund für den verstärkten Beratungsbedarf vermutet Sabrina Sofka-Hell in der Corona-Pandemie. Viele, die im Lockdown den Job verloren haben, konnten sich wohl mit ihrem Ersparten noch einige Zeit über Wasser halten. Inzwischen sind die Reserven aufgebraucht. Außerdem waren im Vorjahr wegen der Pandemie Zwangsräumungen längere Zeit ausgesetzt. "Doch dieses Jahr wird wieder zwangsvollstreckt", weiß die Mitarbeiterin der Diakonie Saar.

In den zurückliegenden Jahren ist ihr zudem aufgefallen, dass immer häufiger Selbstständige, die mit ihrem Unternehmen Schiffbruch erlitten haben, obdachlos werden. Und immer öfter würden auch Leute auf der Straße landen, obwohl sie einen Job haben, aber mit kleinem Einkommen. Mit ihrem geringen Einkommen finden sie dann keine Unterkunft, die sie sich leisten können. Das Angebot an kleinen bezahlbaren Wohnungen ist auch in Völklingen viel geringer als die Nachfrage. Das wissen die Vertreter der Organisationen, die sich zwei bis drei Mal im Jahr im Völklinger Arbeitskreis „Hilfen für Wohnungslose“ treffen. Neben der Diakonie sitzen unter anderem das Jobcenter, die Stadtverwaltung, das Gesundheitsamt und die „Gemeinnützige Städtische Wohnungsgesellschaft“ (GSW) mit im Boot. Sabrina Sofka-Hell lobt die gute Zusammenarbeit: Die Akteure haben die Telefondurchwahlen der Partner und versuchen, auf kurzem Weg Lösungen zu finden.

Aktuell werden bei der Diakonie in Völklingen für 35 Menschen ohne festen Wohnsitz Postadressen geführt. So bleiben die Obdachlosen für die Behörden erreichbar. Dienstags und donnerstags holen sie die Post ab. Wer möchte, nutzt die Gelegenheit und schaut in der offenen Sprechstunde vorbei, die zur selben Zeit angeboten wird.

Im Rahmen des Programms „Ambulant Betreutes Wohnen“ wurden seit 2012 rund 50 Wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen bis zu zwei Jahre unterstützt. Sofka-Hell und ihr Kollege Andreas Meier stehen bei der Jobsuche mit Rat und Tat zur Seite, geben Tipps zur Haushaltsführung und machen klar, dass es nichts bringt, Briefe ungeöffnet in die Schublade zu legen. Mit Erfolg: Nur ganz wenige ihrer Klienten, denen ein Wohnungsverlust drohte, berichtet Sofka-Hell, wurden auch tatsächlich wohnungslos. Aktuell gibt es in dem Programm acht Plätze, sie sind alle belegt.

Der soziale Wohnungsbau sei sträflich vernachlässigt worden, kritisiert die zuständige Diakonie-Bereichsleiterin Sigrun Krack. Und sie betont: „Die Situation in Völklingen ist ziemlich prekär“.

Krack fordert das Schaffen von mehr sozialem Wohnraum. Und sie hofft, dass mehr Geld in die Sozialarbeit investiert wird. Noch in diesem Jahr seien Gespräche mit dem Land über den zukünftigen Einsatz von Sozialarbeitern der Diakonie in der städtischen Notunterkunft in der Lisdorfer Straße geplant. Dort stehen 18 Plätze zur Verfügung. Erst im Januar hatte die Diakonie auch die Stadt Völklingen aufgefordert, mehr gegen Obdachlosigkeit zu unternehmen.

Und wo übernachten die Völklinger Obdachlosen? Ein Großteil der Frauen findet zunächst noch bei Bekannten Unterschlupf, erläutert Sabrina Sofka-Hell; „nicht selten gegen sexuelle Gefälligkeiten“, ergänzt sie. Die Männer campieren in leer stehenden Häusern, in der Gartenlaube, sie schlafen im Zelt oder bauen sich im Wald einen Verschlag. In den nächsten Monaten müssen sich nicht nur vor Wind und Regen, sondern auch vor eisigen Temperaturen schützen. „Ich hoffe“, sagt die Sozialarbeiterin, „dass der Winter nicht so kalt wird."