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Was man über die Grubenflutung im Saarland wissen sollte

SZ-Überblick : Was man über die Grubenflutung wissen sollte

Die vom Bergbauzkonzern RAG beantragte Teilflutung ehemaliger Bergwerke im Saarland ist ein komplexes Thema. Die SZ hat die wichtigsten Details zusammengefasst.

Worum geht es? Die RAG will das Grubenwasser (ursprünglich Regenwasser, das unter Tage sickert) in ehemaligen Bergwerken im Saarland auf 320 Meter unter Null ansteigen lassen. Dazu sollen die Pumpen, die bislang das Grubenwasser abpumpen, im Schacht Duhamel und in der Grube Reden abgestellt werden. Anschließend liefe das Wasser über Querverbindungen von den Gruben Reden und Göttelborn in die Grube Dilsburg und in das Bergwerk Saar (siehe Grafik). Nach Abschluss der etwa dreijährigen Teilflutung würden die Pumpen im Schacht Duhamel wieder angestellt, um das Grubenwasserniveau auf -320 Meter zu halten. Die ehemaligen Bergwerke Camphausen, Viktoria, Luisenthal und Warndt (rechts in der Grafik) wären von dieser sogenannten Phase 1 der Grubenflutung nicht betroffen.

In einem zweiten Schritt (Phase 2), den die RAG aber noch nicht beantragt hat, würde das Unternehmen gerne auch die Gruben in Camp­hausen, Viktoria und Luisen­thal über Querverbindungen volllaufen lassen und das Grubenwasser bei 190 Metern über Null nur noch in die Saar einleiten. Die Phase 2 würde 20 bis 25 Jahre dauern.

Welches Gebiet ist betroffen? RAG und Oberbergamt sprechen von einem Gebiet von rund 360 Quadratkilometern. Betroffen wären Teile der Flächen von insgesamt 30 Gemeinden und so überschlägig rund 600 000 Menschen. Das Gebiet erstreckt sich grob gesagt von Dillingen im Westen bis nach Neunkirchen im Osten sowie von Lebach im Norden bis Völklingen im Süden.

Welche Auswirkungen wird die Teilflutung (Phase 1) aus Sicht von Experten haben? Dazu hat die RAG insgesamt zehn Gutachten, das Oberbergamt zwei und das Umweltministerium noch einmal ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben.

● Demnach ist zum einen mit einer weitflächigen Hebung zu rechnen. Nach einem Gutachten des Aachener Ingenieurbüros Heitfeld-Schetelig wird diese Hebung maximal 10 Zentimeter betragen. Zu Senkungen soll es – wenn überhaupt – nur zu Beginn mit maximal 2 bis 3 Zentimetern kommen, die durch die anschließende Hebung aber wieder ausgeglichen würden.

● Experten halten zudem Erschütterungen im Raum Nalbach/Saarwellingen/Lebach für möglich. Diese sollen aber „bei weitem nicht die Intensität haben, die beim früheren Abbau auftraten“ (Gutachten Hydrologe Jürgen Wagner). Nach abgeschlossener Flutung von Phase 1 soll das Erschütterungsrisiko jedoch für alle Zeiten gebannt sein. Ohne Flutung würden mögliche Erschütterungen stärker ausfallen und zeitlich unvorhersehbar fortbestehen.

● Nicht ausschließen wollen die Gutachter sogenannte leichte Bergschäden (wie etwa Risse in Hauswänden) entlang so genannter Bruchkanten im Gebirge. Diese verlaufen in etwa von Quierschied nach Norden in Richtung Illingen, westlich von Neunkirchen und bei Saarwellingen. Mit schweren Bergschäden wird nicht gerechnet.

● Die Gutachter sehen keine Trinkwasser-Gefährdung durch die Phase 1. Denn das Grubenwasser bliebe unterhalb derjenigen Gesteinsschichten, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. Seit dem Gutachten des Hydrologen Professor Wagner ist hier der „Sonderfall“ Scheidter Tal umstritten. Dort hatte Wagner eine Gefährdung des Grundwassers „nicht gänzlich ausschließen“ wollen. Allerdings nur unter der „worst case“-Vorgabe, dass es zu einem Teilversagen unterirdischer Grubenverbindungen kommt und über das geplante Niveau (-320 Meter) hinaus geflutet werden würde. Das Scheidter Tal liegt eigentlich in einer Zone, die erst von Phase 2 betroffen wäre.

● Gutachten gehen zudem von einer mittel- bis langfristig abnehmenden Belastung von Bächen und Flüssen aus, in die das Grubenwasser bislang eingeleitet wird (siehe Grafik). Denn nach der Flutung würden unter Tage weniger Salze ausgewaschen und in den Gruben eingelagerte Giftstoffe wie PCB absinken (sie haften an Schwebstoffen an). Zudem würde das Grubenwasser nicht mehr wie heute in den Sinnerbach (und in der Folge in den Klinkenbach und die Blies) eingeleitet.

● Das Risiko von Ausgasungen ist laut Gutachten während der Flutungsphase als am größten. Die RAG will die Gase an mehreren Stellen gezielt absaugen. Langfristig – so Experten – sollen sich Methan- und Radon-Ausgasungen nach einer Flutung verringern, weil die Gase durch die Flutung unter Tage eingeschlossen würden.

● Energieverbrauch und Kosten sinken. Die Pumpen, die derzeit das Grubenwasser an die Oberfläche bringen, produzieren laut Gutachter Wagner einen Kohlendioxid-Ausstoß, der binnen zwölf Jahren demjenigen von 65 000 Autos entspricht. Die RAG geht bei Phase 1 langfristig von Einsparungen in der Grubenwasserhaltung in „Milliardenhöhe“ aus.

An welche Auflagen hat das Land eine Genehmigung der Teilflutung (Phase 1) geknüpft? Der Bergbaukonzern muss die Flutung permanent überwachen, zudem sollen Pumpen in Ensdorf und in Reden jederzeit auf den Wasseranstieg einwirken können. Außerdem sind Anlagen vorgeschrieben, die das Grubenwasser von Schadstoffen wie etwa PCB befreien, bevor es in Saar, Fisch- und Schlehbach eingeleitet werden darf. Ferner wird die RAG dazu verpflichtet, umweltgefährdendes Niedrigwasser in der Blies (das durch den Wegfall des bislang eingeleiteten Grubenwasser entstehen kann) auszugleichen. 

Was kritisieren Gegner?  Dass die Grubenflutung nur dazu dient, der RAG Kosten für das Abpumpen des Grubenwassers zu ersparen. Außerdem: Dass nicht alles genau so eintrifft, wie es in den Gutachten vorhergesagt wird, Gefahren könnten niemals hundertprozentig ausgeschlossen werden. Entsprechend werden unter anderem Tagesbrüche, stärkere Erdbeben, unkontrollierte Ausgasungen und Trinkwasserverunreinigungen befürchtet. Zudem besteht die Sorge, dass es keine oder nicht angemessene Entschädigungen im Schadensfall gibt. Befürchtet wird außerdem, dass die Genehmigung von Phase 1 automatisch den Weg für eine Genehmigung der (mit Blick auf das Grundwasser) womöglich deutlich heikleren Phase 2 ebnet.

Gegen die Teilflutungspläne der RAG mit Phase 1 hatte es 6882 Einwendungen von Bürgern sowie 128 kritische Stellungnahmen von Verbänden, Behörden, Kommunen und Landkreisen gegeben. Der Landesverband der Bergbaubetroffenen (Igab) hatte zudem 8575 Unterschriften gegen die geplante Grubenflutung an den Petitionsausschuss des Landtages übergeben. Die Volksinitiative „Wasser ist Leben – Saar-Heimat schützen – Grubenflutung stoppen“ hatte rund 5700 Unterschriften gesammelt.

Welche Erfahrungen gibt es mit Grubenflutungen? Sachverständige sprechen von weltweiten Erfahrungen mit Grubenflutungen. In Europa stammen diese vor allem aus England, wo der Bergbau schon länger ausgelaufen ist, sowie aus Frankreich. Im unmittelbar benachbarten Lothringen etwa ließ die staatliche französische Bergbaugesellschaft ab 2006 das Grubenwasser ansteigen. Der westliche Teil des lothringischen Reviers, in dem der Ort Creutzwald liegt, ist bereits komplett geflutet. Im östlichen Teil, der unter Tage über die Grenze bis in den Warndt reicht, steht das Wasser rund 80 Meter unterhalb der Erdoberfläche. Im westlichen Kohlebecken blieb die Flutung nicht ohne Folgen: In einigen Kommunen traten massive Vernässungen des Erdbodens auf. Allerdings stellte sich damit der natürliche Zustand wieder ein, wie er vor Beginn des Bergbaus vor anderthalb Jahrhunderten existiert hat. Im Warndt hat man dagegen nach Angaben des früheren Bürgermeisters von Großrosseln, Jörg Dreistadt (SPD), „keine schlechten Erfahrungen“ gemacht. Es habe weder unkontrollierte Gasaustritte noch Schäden an Gebäuden, Kanälen, Leitungen oder Straßen gegeben. Auch die Trinkwasserqualität sei nicht beeinträchtigt worden. Während der Flutung sei es zu einer großflächigen Hebung des Erdbodens um 15 bis 20 Zentimeter gekommen, nicht aber zu Abrisskanten oder Bruchspalten. Die Prognosen der französischen Umweltbehörde DREAL zum Ablauf und den Auswirkungen der Flutung seien „genau so eingetroffen“. Einige Gruben im Saarland sind schon seit Jahrzehnten zu großen Teilen geflutet. Schäden für Mensch und Umwelt sind nicht bekannt. Aber es gibt auch Negativbeispiele. In Wassenberg bei Aachen beispielsweise kam es durch den Grubenwasseranstieg zu unerwarteten Tagesbrüchen und erheblichen Schäden an Gebäuden.