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Alarm nach Arbeitsunfall bei Dillinger Hütte: Polizei wurde nicht informiert

Drei Menschen verletzt : Nach schwerem Arbeitsunfall bei Dillinger Hütte – wieso wurde die Polizei nicht alarmiert?

Bei einem Arbeitsunfall bei der Dillinger Hütte wurden am Donnerstag drei Menschen verletzt, einer davon schwerst. Ein Alarm ging nach dem Unfall raus, Notarzt und Krankenwagen kamen. Doch die Polizei erfuhr nichts von dem Unglück. Wie konnte das passieren?

Die Wege, die ein Alarm nach einem Unglück geht, sind im Saarland klar vorgezeichnet: Es gibt eine zentrale Stelle, wo er ankommt und von wo aus er an Rettungspersonal und Ermittler schnellstmöglich weitergeleitet werden soll. So gibt es bei einem Notfall ohne weitere Komplikationen Hilfe – so der Plan.

Doch bei dem schweren Arbeitsunfall bei der Dillinger Hütte vom Donnerstag, 5. Januar, hakte es. Zwar waren Krankenwagen mit Notarzt und Rettungsassistenten rasch auf dem Weg zu den Opfern. Auch der Rettungshubschrauber Christoph 16 brachte einen Patienten mit schwersten Brandverletzungen eilig in eine Spezialklinik nach Ludwigshafen. Alles ohne Verzögerung.

Schwerer Arbeitsunfall bei der Dillinger Hütte – Polizei zunächst nicht informiert

Allerdings erhielt die Polizei in Saarlouis zunächst keinerlei Kenntnis von dem dramatischen Zwischenfall, bei dem ein junger Mann schlimmste Blessuren erlitt. Erst über eine Recherche-Anfrage der SZ wurden die Ermittler aufmerksam auf das, was sich in ihrem Zuständigkeitsbereich zugetragen hatte. Da war bereits rund eine Stunde seit dem Unfall vergangen.

Entsprechend verwundert darüber zeigte sich eine Behördensprecherin, die sich darauf keinen Reim machen konnte und bis dahin nicht den geringsten Schimmer hatte, was nur wenige Kilometer entfernt passiert war. Erst daraufhin rückten ihre Kollegen aus, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen.

Auch beim Landespolizeipräsidium in Saarbrücken herrschte Verwunderung über diesen Ablauf im konkreten Fall. Denn nach Auskunft des Pressesprechers Stephan Laßotta werde üblicherweise die Polizei gleichzeitig informiert, um zu ermitteln, wie es zu dem entsprechenden Zwischenfall kam. Die Fragen, die dann von den Beamten zu klären sind: War es ein Unglück, für das niemand etwas kann? Ein technisches Malheur etwa? Hat jemand fahrlässig gehandelt? Oder sorgte ein Täter absichtlich dafür?

Das sagt die Polizei im Saarland zu dem Fall bei der Dillinger Hütte

Laßotta geht wie seine Kollegen der betroffenen Polizeiinspektion in Saarlouis von einem „Kommunikationsfehler“ aus. Denn erst recht bei einem Unfall dieser Größenordnung wie bei der Dillinger Hütte laufe die Ursachenforschung seitens der Ermittlungsbehörden üblicherweise sofort an.

Laßotta: „Wenn dann auch noch ein Rettungshubschrauber zum Einsatz kommt, wird die Polizei gerufen, um Landehilfe zu geben.“ Auch das war am Donnerstag nicht der Fall, obwohl der Helikopter im Einsatz war. Wie es dazu kam, dass die Ermittler erst einmal außen vor blieben, konnte der Sprecher des Landespolizeipräsidiums auch nach Rücksprache mit Verantwortlichen der zuständigen Institution nicht rekonstruieren.

Wer im Saarland für Notrufe zuständig ist und die Rettungskräfte koordiniert

Dies ist die Integrierte Leitstelle (ILS). Bei ihr laufen alle Notrufe aus dem Saarland über die einheitliche Nummer 112 ein. Die ILS hat ihren Standort auf dem Winterberg in Saarbrücken. Nach eigenen Angaben arbeiten dort 60 Beschäftigte im Schichtdienst rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche, um die Arbeit zu koordinieren.

Organisatorisch verantwortlich für die Leitstelle ist der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) mit Sitz in Bexbach. Alle Landkreise sowie der Regionalverband Saarbrücken sind darin Mitglieder. Die Aufsicht darüber hat das saarländische Innenministerium.

Das sagt der ILS-Leiter zu dem Vorfall bei Dillinger Hütte

Bei der ILS befasst sich auf SZ-Anfrage Rainer Buchmann mit dem Vorfall. Er ist Leiter der Rettungsstelle auf dem Winterberg in Saarbrücken, die nach dessen Angaben mehr als 1000 Anrufe pro Tag zu bewältigen hat.

Erste Aufgabe seiner Integrierten Leitstelle sei es, Rettungsdienste loszuschicken, sprich: je nach Bedarf Krankenwagen und Feuerwehren. Eine Information der Strafverfolgungsbehörden, also der Polizei, gehöre grundsätzlich nicht dazu. Ausschlaggebend dafür sei der Datenschutz. Entsprechende Gesetze zum Rettungswesen sehen das nicht vor.

Rechtliche Widersprüche: Fragen bei Rettungsdienst und Strafverfolgung

Nach Ansicht von Experten stehen sich sogar einige Bestimmungen gegenseitig im Weg. Hauptsächlich gebe es demzufolge verfassungsrechtliche Gründe, die eine Trennung von Strafverfolgung und Rettungswesen vorsehen. Auf diesen Umstand sei der Gesetzgeber im Saarland bereits hingewiesen worden. Bislang aber habe es keine Novelle gegeben, die etwaige Widersprüche zu beseitigen, um die Arbeit der Mitarbeiter in der Leitstelle zu vereinfachen.

Darum könne es nach Auskunft von Insidern immer wieder dazu kommen, dass die Leitstelle die Polizei nicht informiert, damit sich die Angestellten nicht auf juristisch dünnes Eis begeben. Ihre Zuständigkeit sei in erster Linie per Aufgabenstellung, Rettungskräfte zu mobilisieren. Das bedeute im Umkehrschluss: Die Polizei müsse im Fall der Fälle separat gerufen werden, dann über die zentrale Nummer 110.

Verwunderung bei Dillinger Hütte, dass Polizei nicht erschien

Unterdessen wunderte sich auch Martin Reinicke darüber, dass die Polizei nach dem Unglück in der Dillinger Hütte nicht auftauchte. Der Unternehmenssprecher und die Beschäftigten seien davon ausgegangen, dass Ermittler gleichzeitig mit den Rettungskräften an der Unglücksstelle erscheinen würden. Reinicke: „Unser Werksschutz hatte sofort die Integrierte Leitstelle alarmiert.“ Damit habe der Betrieb aus seiner Sicht die Alarmierungswege eingehalten und erfüllt.

Bei dem Arbeitsunfall am Donnerstag hatte ein Mitarbeiter schwerste Brandverletzung erlitten. Den Mann aus Überherrn soll ein Starkstromschlag bei Wartungsarbeiten an einem Transformator nahe eines Hochofens erwischt haben. Unter anderem habe der 22-Jährige, der auch Feuerwehrmann ist, erhebliche Blessuren an den Augen erlitten. Zwei seiner Kollegen sollen leicht verletzt davongekommen sein.

Mittlerweile ermittelt die Kripo. Das ist in solchen schwerwiegenden Fällen Usus. Mitarbeiter des Landesamtes für Umwelt- und Arbeitsschutz (Lua) sind ebenfalls eingeschaltet.