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Luftfilter gegen Corona: Kreisausschuss Saarlouis lädt Experten ein

Ungewöhnliche Sitzung : Luftfilter für Saarlouiser Schulen? Kreisausschuss setzt auf Expertenrat

Soll der Kreis Saarlouis Luftfiltergeräte für Schulen anschaffen? Vor dieser Entscheidung wollte der Kreistag sich erst fachlich beraten lassen. Das Ergebnis war eine Sitzung, die ihresgleichen sucht.

Den Satz „Da bin ich mir nicht sicher“ hört man von Politikern eher selten. Bei der letzten Sitzung des Saarlouiser Kreistages fiel der Satz dennoch sinngemäß mehrmals. Zur Diskussion stand dort am 11. November der Antrag der CDU, die Luftfiltergeräte oder Fensterlüfter für die Räume der Klassenstufe 5 der Schulen im Kreis forderte (wir berichteten). Ob diese tatsächlich Corona-Infektionen verhindern können, schienen allerdings sogar die Antragssteller selbst nicht eindeutig bejahen zu wollen. Schließlich einigte man sich einstimmig auf einen Kompromiss: Vor einer Entscheidung sollte erst die Meinung von Experten gehört werden.

Die Sitzung des Kreisausschusses in der vergangenen Woche war dann auch allein diesem Thema gewidmet. Sie fand als Videokonferenz statt. Was einerseits wegen des Infektionsschutzes sinnvoll war –  die Inzidenz im Kreis Saarlouis lag an diesem Tag bei knapp unter 500 – hatte andererseits auch handfeste praktische Gründe: Zwei der fünf geladenen Gäste wurden aus Mainz beziehungsweise Stuttgart hinzugeschaltet.

Die Liste der Experten hatte es in sich (siehe Info). Als erstes wurde Jürgen Rissland um seine Einschätzung gebeten. Dieser gab den Zuhörern einen Einblick in seine wissenschaftliche Arbeit: Eine Leitliniengruppe, bei der Rissland Mitglied ist, habe zu dieser Frage im November erst ihre Empfehlungen aktualisiert. Demnach könne der Einsatz solcher Geräte in Klassenräumen erwogen werden, „wenn grundsätzlich eine ausreichende Lüftung gewährleistet ist und die Einschätzung durch Fachleute erfolgt“. Wichtig hierbei sei die Formulierung „kann erwogen werden“ – dabei handle es sich um „die schwächste Stufe der Evidenz“. Die zuständigen Experten der Gruppe seien bei der Auswertung der relevanten Forschungsergebnisse zu dem Ergebnis gekommen, dass es „keine belastbaren Daten“ gebe, die zeigen, dass mobile Luftreinigungsgeräte tatsächlich Infektionen verhindern – nur „theoretische Überlegungen“ sowie Experimente, die allerdings unter Laborbedingungen stattfanden und sich nicht ohne weiteres auf die Realität übertragen lassen. Widerstand gegen diese Erkenntnis habe es allerdings von Eltern-, Schüler- und Lehrervertretungen gegeben – deshalb sei die Empfehlung in der Leitlinie lediglich als „Mehrheitsmeinung“ statt Konsens deklariert worden. 

„Ich kann verstehen, wieso das Thema heiß und umstritten diskutiert wird“, erklärte Rissland, „aber um das in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich stehe dem Einsatz von Luftreinigern sehr zurückhaltend gegenüber.“ Masken hätten dagegen einen viel eindeutigeren positiven Effekt.

Frank Helleis untermauerte diese Einschätzung mit einer Grafik: Diese zeigte die Rekonstruktion eines Corona-Ausbruchs in einem amerikanischen Klassenraum, der mit einem Luftfiltergerät ausgestattet war und regelmäßig gelüftet wurde. Deutlich zu erkennen sei, dass der infizierte Lehrer hauptsächlich die Schüler in seinem unmittelbaren Umfeld angesteckt habe. Die Erkenntnis aus solchen und ähnlichen Untersuchungen: Aerosole spielen beim Infektionsgeschehen eine untergeordnete Rolle – anders als Tröpfchen. Diese haben allerdings eine geringere Reichweite, sinken schnell zu Boden und können (anders als Aerosole) weder durch Geräte gefiltert, noch ihre Bildung durch Lüften verhindert werden.

Barbara Gärtner bestätigte das: Normale Übertragungen entstünden meist im „Nahbereich“ – also bei einem Abstand, bei dem Tröpfchen eine Rolle spielen. „Die Bedeutung der Luftreiniger ist eine völlig andere, als sie in der Bevölkerung wahrgenommen wird“, betonte Gärtner. Allein der Name sei „marketingtechnisch toll“, sie könnten aber keinesfalls anderen Maßnahmen ersetzen. Der Nutzen stünde in keinem Verhältnis zu dem finanziellen Aufwand, die man in den Schulen besser anders investieren sollte, sowie anderen negativen Effekten wie beispielsweise die Lärmentwicklung. „Für die Schüler ist dadurch nichts gewonnen.“

Konstantinos Stergiopoulos fasste für die Zuhörer die Ergebnisse einer Studie zusammen, welche im Auftrag der Stadt Stuttgart durchgeführt worden war. Gemessen und verglichen wurden dabei die Wirksamkeit von Maßnahmen, welche das Infektionsrisiko in Klassenräumen verringern sollen. Eindeutiges Ergebnis auch hier: Masken schützen am besten, Luftfiltergeräte haben allenfalls einen unterstützenden Effekt. Auch er betonte, dass sie regelmäßiges Lüften nicht ersetzen können, zumal sie auch allgemein die Luftqualität nicht verbessern.

Christof Salm hatte den Ausführungen der anderen Experten am Ende nichts mehr hinzuzufügen. Er bestätigte aber, dass die Unfallkasse des Saarlandes, die für die Sicherheit und Gesundheit in den Schulen zuständig ist, zu der selben fachlichen Meinung gelangt sei.

Das Fazit der Experten: Ein tatsächlicher Nutzen von Luftreinigern ist nicht belegt. Dafür steige durch den Einsatz der Geräte jedoch die Gefahr, dass aus einem Gefühl falscher Sicherheit heraus in den Klassenräumen weniger gelüftet wird – und das Infektionsrisiko dadurch sogar theoretisch erhöht werde.

Nach eineinhalb Stunden schienen die Mitglieder des Kreisausschusses selbst verblüfft von der fachlichen Kompetenz dieses Abends. Über den Antrag abgestimmt wird erst in der nächsten Sitzung des Kreistags – aber das Ergebnis dürfte bereits jetzt ziemlich sicher feststehen.