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Bundestagswahl: Heiko Maas spricht über Wahlkreis Saarlouis und Merzig

Porträt der Direktkandidaten zur Bundestagswahl : Um die Welt und wieder „dahemm“

Die SZ stellt die Direktkandidaten für die Bundestagswahl 2021 im Wahlkreis 297 vor: Heiko Maas, SPD.

Mal kurz in die Stadt gehen, das geht für Heiko Maas schon lange nicht mehr. Wo er auftaucht, wird er von bewaffneten Männern im Anzug abgeschirmt. Tritt der Bundesaußenminister in seiner Heimatstadt Saarlouis mal kurz vor die Tür seiner Wohnung am Kleinen Markt, warten dort schon die Personenschützer und Polizisten zum Geleit. „Anstrengend“, gibt Maas zu, „aber bedauerlicherweise angemessen“. In seinem Amt gebe es eben bisweilen „eine besondere Gefährdungslage“. An seine hohe Sicherheitsstufe habe er sich in den vergangenen vier Jahren im Amt gewöhnen müssen.

Sonderbehandlung erfährt der Minister dennoch nicht überall. „Darf ich bei Ihnen mal noch den Impfausweis kontrollieren?“, fragt die Bedienung im Altstadtcafé in Saarlouis ungerührt. Bei „Diet Coke“ und Cappucchino, Kuchen lieber nicht, findet der Direktkandidat der SPD zwischen vielen Terminen zwischen Afghanistan und Berlin kurz vor der Wahl doch noch Zeit, recht entspannt über seinen Wahlkreis 297 zu reden. Und das sieht zusammenfassend so aus, „dass die Ecke hier, in der wir wohnen, einiges zu bieten hat und für die Zukunft gut aufgestellt ist“, findet Maas. Natürlich steht die Region vor großen Herausforderungen, weiß er, „zum einen für die großen Arbeitgeber Ford und Dillinger Hütte, die beide vor erheblichen Veränderungsprozessen stehen, da wird viel Geld investiert werden müssen, es wird sich viel verändern und natürlich wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass dieser Veränderungsprozess nicht dazu führt, dass Arbeitsplätze verloren gehen“. Und zum zweiten gilt es für Maas, die Corona-Krise abzufedern: „Gerade Saarlouis hier ist eine Stadt von Handel und Gewerbe, die natürlich erheblich unter der Corona-Krise gelitten haben. Und mit all dem Kurzarbeitergeld, den Übergangshilfen und Soforthilfen konnte man verhindern, dass es nicht zu viele gab, denen die Luft so abgeschnürt wurde, dass es nicht mehr weitergeht – die gab es aber auch.“ Maas will deshalb „alles dafür tun, dass die pandemische Lage beendet wird, dass es keinen Lockdown mehr gibt, dass Restriktionen Stück für Stück auf null abgebaut werden.“

Als große Stärke in seinem Wahlkreis sieht er die Mischung aus Industrie, Handel und Gewerbe; die schaffe eine „eigentlich ganz gute Arbeitsplatzsituation“, und damit „letztlich eine Lebensqualität, bei der Saarlouis, ich möchte schon sagen, einzigartig ist, und das macht den Charme der Stadt aus. Aber das gilt auch für Merzig: Die Stadt hat sich erheblich entwickelt, es gibt viel Grün, die Nähe zu Frankreich, zu Luxemburg.“ Und nicht zuletzt sei die Region „touristisch extrem attraktiv“.

Neuansiedlungen wie die von Nobilia und sVolt, aber die Entwicklung des Lisdorfer Bergs insgesamt begrüßt Maas als „gute Grundlage dafür, dass es hier auch neue Arbeitsplätze geben kann“. Für große wie mittelständische Betriebe sei der Standort interessant; gerade der Lisdorfer Berg ist für Maas „das Pfund“ im internationalen Wettbewerb. Er wirbt dafür, sich im Strukturwandel breiter aufzustellen: „Je mehr unterschiedliche Wirtschaftszweige es gibt, umso unabhängiger wird man davon, welche negativen Entwicklungen es in einzelnen Bereichen gibt.“

Erreicht hat Maas für seinen Wahlkreis in Berlin vor allem die Förderung von Investitionen in der Stahlindustrie, zählt er auf – „das hat nicht einer allein gemacht, sondern die Saarländer, die im Kabinett sitzen, haben sich da auch gegenseitig geholfen“. Und im Kampf gegen Dumpingpreise „haben wir die EU dazu gebracht, einen sogenannten Grenzsteuerausgleich auf die Tagesordung zu setzen, das ist noch nicht beendet“. Das Ziel dabei: „Dass diejenigen, die sich nicht an die Klimaschutzvorgaben halten, einen Aufpreis zahlen müssen auf ihre Produkte, wenn sie sie in Europa verkaufen.“ Für den Ford-Standort Saarlouis hat er sich persönlich beim Chef in Detroit eingesetzt und ihn auch nach Saarlouis eingeladen, betont Maas. „Und dann gibt es immer wieder Einzelprojekte, für die man seinen Job in Berlin nutzen kann“, führt er aus: Beispielhaft nennt er die Sanierung der Ludwigskirche in Saarlouis – „das ist der Ort, an dem wir Ottmar Schreiner und Roland Henz zu Grabe getragen haben und da ist einfach auch eine große persönliche Verbindung“ – und die Förderung für das Weltkulturerbe Völklinger Hütte, ein weiteres Herzensprojekt von ihm, „das ist von Bedeutung für das ganze Saarland“, findet Maas.

In den nächsten vier Jahren will er sich im Bundestag dafür einsetzen, „dass uns Ford und Dillinger Hütte erhalten bleiben“, aber auch für das Thema Informationstechnologie, über das er sich gerade im Schloss Dagstuhl in Merzig-Wadern informiert hat, und in Saarlouis für den geplanten Wasserstoffcampus.

Im Wahlkreis 297 tritt Maas, geübt als guter Verlierer, zum zweiten Mal gegen seinen Kabinettkollegen und alten Bekannten Peter Altmaier an, aber er ist sich sicher, dass es diesmal spannend wird: „Ich glaube, dass es knapp wird hier im Wahlkreis. Dieses Mal sind wir mindestens gleichauf.“ Und auch im Bundestag wird sich eine neue Konstellation ergeben, schätzt der erfahrene Politiker: „Es werden wohl drei Parteien sein, da wird es erstmal viele, viele Gespräche geben.“ Den Wahlabend verbringt Maas in Berlin bei Olaf Scholz, vorher hat er noch eine „stressige Woche“, berichtet er: Von Saarlouis geht es über Berlin nach New York zur Uno-Vollversammlung, dann über Berlin wieder ins Saarland für weitere Termine. Laufen ist für den passionierten Triathleten derzeit kaum noch möglich, bedauert er. Seinen 55. Geburtstag am Sonntag durfte er aber mal ohne Termine verbringen, freut er sich, ein echter Luxus im Wahlkampf.

Über Privates spricht der aus Elm stammende Minister nur spärlich, die beiden Söhne, 15 und 19 Jahre alt, sind im Wahlkampf nicht präsent. Nachdem er jahrelang hauptsächlich in Berlin lebte, hat Maas seit Mai eine Wohnung am Kleinen Markt gemietet, was sich schnell herumgesprochen hatte; auch wenn Maas das Polizeiaufgebot „unangenehm“ ist, schätzt er die zentrale Lage: „Ich bin ja jetzt nicht so oft in der Wohnung und da hat es einfach Vorteile, wenn man mal da ist, dass man auch gleich mitten in der Stadt ist.“ Auch wenn er damit leben muss, öfter mal angesprochen zu werden: „In Berlin ist es manchmal echt krass, aber hier in Saarlouis ist es meistens echt angenehm, die sind einfach freundlich. Ein großer Anteil sind Leute, für die man nicht nur Minister ist, sondern die einen von früher kennen, vom Handball, vom Basketball.“ Umso interessierter zeigt sich der Minister daran, was gerade so läuft in seiner Heimatstadt: Wer sitzt im Stadtrat, was sind die kommunalpolitischen Themen und was machen eigentlich die alten Wegbegleiter?

Privat unterwegs ist er in seinem Wahlkreis nicht so oft, gesteht er, die Freizeit sei durch das Amt deutlich eingeschränkt: „Da ich ja mitten in der Stadt wohne, mit einem wirklich schönen Ausblick über die Stadt, sehe ich viel.“ Nicht auch deswegen sei die Wahlkampagne, Maas vor dem Losheimer Stausee beziehungsweise dem Saarpolygon und der Aufschrift „Dahemm“, sehr umstritten gewesen, erzählt er: Maas fand sie aber gut, weil sie zeige, dass er, obwohl er in den vergangenen Jahren öfter im Fernsehen als im Saarland zu sehen war, der Heimat dennoch erhalten geblieben sei.

Nur in der nahen Altstadt hält sich der Tonton-Preisträger doch ganz gerne noch auf, dort isst er auch gern mal „die besten Nudeln des Saarlandes“, verrät er außerdem: „Ich glaube, hier in der Altstadt kriegt man dieses saarländische Lebensgefühl: Dass man gewohnt ist, hart zu arbeiten, aber auch weiß, wie man feiert.“

 Der SPD-Direktkandidat Heiko Maas im Saarlouiser Altstadtcafé im Interview mit SZ-Redakteurin Nicole Bastong, links sitzt Maas’ Mitarbeiter aus dem Bundestagsbüro Jan Kürvers.
Der SPD-Direktkandidat Heiko Maas im Saarlouiser Altstadtcafé im Interview mit SZ-Redakteurin Nicole Bastong, links sitzt Maas’ Mitarbeiter aus dem Bundestagsbüro Jan Kürvers. Foto: Ruppenthal

Maas war erst Bundesjustizminister, nun Außenminister – beides habe er jeweils vor der Wahl „nicht mal geahnt“ und so spekuliert er auch lieber nicht, wie es nach dieser Wahl weitergeht. Sein aktuelles Amt empfindet er als „großes Privileg“: „Die Tatsache, Deutschland in der Welt zu vertreten, das ist ein so außergewöhnlicher Job“, findet Maas. Als Justizminister habe er etliche Gesetze auf den Weg gebracht, in der Außenpolitik seien „konkrete Ergebnisse schwer zu erzielen und das hat mir manchmal ein bisschen gefehlt“.  Andererseits habe er in vier Jahren 86 Ländern bereisen können und dabei viel gelernt. „Und man sieht, wenn man so unterwegs ist: Außerhalb Deutschlands wird deutlich positiver über Deutschland geredet als in Deutschland.“ Bei Auslandbesuchen werde er oft nach dem Saarland und seiner Geschichte gefragt, berichtet er lachend: „Und das habe ich immer gerne genutzt, um meine Saarlandgeschichten loszuwerden, und ich bin fest davon überzeugt, dass ich auch dazu beigetragen habe, dass Saarlouis in der Welt ein bisschen bekannter geworden ist.“