1. Saarland
  2. Saarlouis
  3. Saarlouis

Corona im Saarland: Einer der ersten Infizierten leidet bis heute an Long-Covid

„Tod von der Schippe gesprungen“ : Einer der ersten Corona-Infizierten im Saarland leidet bis heute an Long-Covid

Der Saarlouiser Andreas Hauck war einer der ersten Corona-Patienten im Saarland. Bis heute leidet er unter seiner schweren Erkrankung.

Wie knapp er dem Tod entronnen ist, wird Andreas Hauck erst Wochen, nachdem er wieder aus dem Koma erwacht ist, klar. Der Gedanke daran erschüttert ihn bis heute. Dabei ist der stämmige Erzieher aus Saarlouis eigentlich jemand, den so schnell nichts aus der Bahn wirft, heiter, gelassen und in jeder Hinsicht „stabil“, sagt er selbst: Dann musste er am eigenen Leib erfahren, wie ein Virus innerhalb kurzer Zeit aus einem gesunden, aktiven Freizeitsportler einen kranken Mann macht. Hauck war einer der ersten Corona-Fälle im Landkreis Saarlouis, im März 2020, und auch der erste Corona-Intensivpatient im DRK-Krankenhaus Saarlouis.

Nach fast sechs Wochen Koma in Folge einer schweren Corona-Erkrankung meldet sich der Saarlouiser am 10. Mai 2020 mit einem Facebook-Post wieder zurück im Leben – und dem dringenden Appell: „Nehmt Corona ernst! Es gibt den Virus wirklich. Ich hatte ihn.“

Was als vermeintliche Erkältung begann, führte den damals 58-Jährigen schnell auf die Intensivstation. „Ich war gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, nach vier Wochen in Sri Lanka“, berichtet Hauck. „Corona war damals zwar schon Thema in den Nachrichten, aber kein Mensch trug Maske im Flieger, es gab keine Tests.“ Freitags nach seiner Rückkehr war er noch einkaufen, erinnert er sich, ab Sonntag fühlte er sich krank: „Schnupfen, Heiserkeit und so weiter“, erzählt er, „ich dachte an eine normale Erkältung, vielleicht durch die Klimaanlage im Flugzeug.“ Montags rief er beim Hausarzt an und bei seinem Arbeitgeber, einem großen Jugendhilfeträger in Neunkirchen. „Ich habe sonst viele Kontakte und dachte, ich bleib besser mal ein paar Tage zu Hause.“ Dass er erst über ein Jahr später wieder zur Arbeit gehen könnte, hätte Hauck nie gedacht.

Im Laufe der nächsten Tage ging es dem Saarlouiser immer schlechter. „Kopfschmerzen, Übelkeit, Fieber, ich fühlte mich komplett schlapp“, erzählt er. „Als es mir täglich schlechter ging und nach knapp einer Woche das Fieber auf über 40 Grad stieg, sagte der Hausarzt mir, ich soll den Krankenwagen rufen.“

Das tat Hauck, packte noch schnell eine Tasche fürs Krankenhaus, erinnert er sich, „da war ich schon völlig neben mir“, und ließ sich vom Rettungswagen abholen. „Ich weiß noch, dass die schon Masken trugen und überlegten, wo sie mich nun hinbringen sollten.“ Er kam schließlich ins DRK-Krankenhaus Saarlouis: „Ich wurde da sofort isoliert, es wurde ein Abstrich gemacht. Und da schwindet auch die Erinnerung.“ Mit hohem Fieber und in schlechtem Zustand dämmerte Hauck noch zwei Tage auf der Intensivstation vor sich hin, dann wird er ins Koma gelegt – das war am 24. März 2020.

Die nächsten Wochen fehlen in Haucks Erinnerung vollständig. Er verschläft den ersten Lockdown in Deutschland und wie sich Corona in der ersten Welle ausbreitet. Und vor allem bekommt er nicht mit, dass er nur einen Hauch vom Tod entfernt ist. Aus den Unterlagen des Krankenhauses weiß er: Er erleidet in Folge der Corona-Infektion eine schwere Lungenentzündung, dann ein multiples Organversagen, eine Blutvergiftung (Sepsis). Die Ärzte müssen einen Luftröhrenschnitt vornehmen und ihn über Wochen künstlich beatmen, sie kämpfen um sein Leben. Drei Wochen muss er in die Dialyse. Erfahrungswerte gibt es zu diesem Zeitpunkt mit schweren Corona-Verläufen in Deutschland noch kaum, berichten sie ihm später; sie telefonieren mit anderen Ärzten in Homburg, in der Charité in Berlin und in Nancy. „Zu diesem Zeitpunkt sind 90 Prozent der Patienten mit einem solch schweren Verlauf gestorben, sagte man mir“, meint Hauck und schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht warum, aber ich hatte wirklich unheimlich Glück.“

Er selbst hat keinerlei Erinnerung an diese Wochen. Erst hinterher erfährt er, dass niemand ihn besuchen durfte, dass seine Schwester täglich anrief. „Sehr viele Menschen haben an mich gedacht, hab ich hinterher erfahren“, zeigt sich Hauck gerührt. „In der Kapelle bei meinem Arbeitgeber hat sechs Wochen lang eine Kerze für mich gebrannt.“

Als man ihn schließlich verlegen wollte, in eine Einrichtung für Langzeitbeatmung, „rebellierte mein Körper irgendwie“, schildert Hauck. Seine Werte besserten sich, er konnte aus dem Koma geholt werden. „Am 4. Mai habe ich zum ersten Mal wieder selbstständig geatmet“, liest er aus dem Arztbericht – ein Meilenstein.

An sein Erwachen hat er keine konkrete Erinnerung: „Ich sah mal ein Gesicht über mir, mal verschwommen eine Freundin am Fenster“, erzählt Hauck, „aber die meiste Zeit dämmerte ich vor mich hin, konnte nicht sprechen, musste auch fixiert werden, weil ich mir immer die Schläuche rausgerissen hab – aber das weiß ich kaum noch.“ Er sieht die vielen Medikamente noch vor sich, allein sechs verschiedene Antibiotika musste er zwischenzeitlich nehmen und „Unmengen“ Schmerzmittel.

„Erst viel später ist mir klar geworden: Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen.“ Noch heute macht das den inzwischen 60-Jährigen betroffen. Und auch deshalb ärgert es ihn, dass noch immer manche Menschen die Corona-Erkrankung abtun oder gar ganz leugnen. Hauck galt als vorerkrankt, er hat vier Bypässe am Herz: „Aber ich war topfit, gesund. Laut meiner Ärzte hat diese Vorerkrankung auch keine Rolle gespielt: Die Erkrankung wäre anders genauso verlaufen.“ Am meisten gelitten haben bei ihm Lunge und Nieren: „Es war eigentlich ein sehr typischer Verlauf.“

Wo er sich selbst angesteckt hat, kann er bis heute nur vermuten: „Ich denke, es könnte beim Umsteigen am Flughafen in Doha (Katar) gewesen sein, oder im Flieger selbst.“ Was Hauck sehr beruhigt: Soweit nachzuvollziehen, hat er niemanden angesteckt; weder seine Reisebegleiterin noch zwei andere direkte Kontakte nach der Rückkehr.

Der Weg zurück ins Leben war langwierig und mühsam, daran kann sich Hauck gut erinnern: „Ich hatte 26 Kilo Gewicht verloren, vor allem Muskelmasse. Ich konnte nicht mehr gehen, nicht mal sitzen.“ Für den Klettersportler ein Schock: „Ich war 58, aktiv – und plötzlich lag ich da wie ein 80-Jähriger.“ Alles musste Hauck wieder lernen: Schlucken, kauen, sprechen, stehen. „Mobilisation“ nennt das der Arztbericht. „Mein erstes großes Ziel war: Ein paar Schritte gehen, am Rollator, und alleine auf die Toilette gehen können“, erinnert er sich. „Was eigentlich so selbstverständlich ist.“ Bis Ende Mai wird Hauck im Krankenhaus wieder aufgepäppelt, danach soll er in Reha.

„Ich bin höchst dankbar für das, was das Krankenhauspersonal leistet“, betont Hauck, „vom Arzt bis zum Praktikanten. Man liegt dort, hilflos, und die kümmern sich, Tag und Nacht, und dann noch mit der ständigen Angst, sich anzustecken.“

Die Antragstellung für die Reha verzögert sich, so muss Hauck erst einmal alleine zu Hause zurechtkommen: „Auf allen Vieren kroch ich die Treppe hoch“, heute kann er darüber lachen. „Aber ich war sehr ehrgeizig und wollte möglichst schnell wieder alleine klarkommen.“ Ambulant ist Physiotherapie und Reha­sport im Lockdown kaum möglich. Als er schließlich einen Reha-Platz bekommt, ist das eigentlich nicht das Richtige: „Das war eine Einrichtung für Innere Erkrankungen und Herzpatienten, ich hätte aber mehr Kraftaufbau gebraucht. Mit Covid hatte da ja noch keiner Erfahrung, die wussten nicht, wohin mit mir“, schildert er.

Nach der Reha geht es langsam aufwärts: „Aber wirklich gut geht es mir bis heute eigentlich nicht“, sagt Hauck. Er hat zwar keine Lungenschäden davongetragen, keinen Geruchs- oder Geschmacksverlust. Aber auf beiden Seiten erlitt er im Koma über 40 Prozent Hörverlust, er muss jetzt Hörgeräte tragen. Im rechten Fuß hat er zudem Nervenschäden, spürt dort nichts mehr. „Ich bin überrascht, dass sich alle Organe wieder so gut erholt haben“, sagt er. Aber „schlapp“ fühlt er sich bis heute, leidet häufig an Nacken- und Kopfschmerzen, „ich muss mich einfach oft ausruhen oder hinlegen.“

Seit März 2021, ein Jahr nach seiner Infektion, wurde er auf der Arbeit wieder eingegliedert; doch Vollzeit arbeiten ist für den Erzieher nicht mehr möglich, er ist in einem Altersteilzeitmodell. „Ich habe von meinem Arbeitgeber volle Unterstützung erfahren, das ist auch nicht selbstverständlich“, findet Hauck.

Und die Angst ist zu seinem ständigen Begleiter geworden: die Angst, sich wieder anzustecken. „Das ist mein Post-Covid“, sagt Hauck, nur halb im Scherz, „wenn ich etwas im Fernsehen sehe über Corona und Intensivstationen etwa, dann kommt die Angst wieder, so etwas nochmal durchmachen zu müssen.“ Erst nach einem Jahr konnte sich Hauck impfen lassen, und „ich teste mich ständig“, sagt er.

 Ein langer Weg: Im Sommer 2021, weit über ein Jahr nach seiner Corona-Erkrankung, hat Andreas Hauck wieder einen Berg besteigen können. Ganz gesund ist er immer noch nicht.
Ein langer Weg: Im Sommer 2021, weit über ein Jahr nach seiner Corona-Erkrankung, hat Andreas Hauck wieder einen Berg besteigen können. Ganz gesund ist er immer noch nicht. Foto: Hauck/privat
 Schwer gezeichnet: Mühsam musste Andreas Hauck nach seiner schweren Corona-Erkrankung und wochenlangem Koma wieder laufen lernen. Das Bild zeigt ihn im Mai 2020 im Krankenhaus.
Schwer gezeichnet: Mühsam musste Andreas Hauck nach seiner schweren Corona-Erkrankung und wochenlangem Koma wieder laufen lernen. Das Bild zeigt ihn im Mai 2020 im Krankenhaus. Foto: Foto: Hauck/privat

Er möchte nicht spalten, betont der 60-Jährige, aber er persönlich hat eine klare Haltung: „Das wünscht man keinem. Ich kann nur jedem raten, auf die Wissenschaft zu vertrauen und sich impfen zu lassen.“ Deshalb hat Hauck auch wieder einen Appell bei Facebook gepostet. „Mir geht es darum, aufzuklären. Es gibt Corona. Es ist ernst zu nehmen. Es gibt schlimme Verläufe und man kann sich davor schützen.“