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Saarlouis: Platanen am Großen Markt sind unheilbar krank wegen Pilz

„Müssen damit rechnen, dass wir sie alle verlieren“ : Platanen am Großen Markt in Saarlouis von seltsamer Krankheit befallen

Die markanten Bäume in Saarlouis werden wohl nach und nach verschwinden. Der Grund ist eine Pilz-Krankheit, deren genaue Ursache bislang noch unbekannt ist.

Am Ende einer gut dreieinhalbstündigen öffentlichen Stadtratssitzung in Saarlouis wartete dann noch ein Knaller. Den zündete Dietmar Esser, stellvertretender Leiter des Neuen Betriebshofs Saarlouis (NBS), mit einer Nachricht, die mit ihrer Brisanz eher an den Anfang gehört hätte als unter „Mitteilungen der Verwaltung“ am Schluss versteckt. „Die Platanen am Großen Markt sind in einem dramatischen Zustand“, teilte Esser, der auch Sachverständiger für Baumpflege ist, dort in seinem Bericht zum Jahresende mit. 85 der 106 Kopfplatanen am Großen Markt sind inzwischen erkrankt. Seit 2019 läuft die Ursachenforschung zu der bislang „unbekannten Pilz-Krankheit“, unter der die alten und stadtbildprägenden Bäume leiden, die den Marktplatz säumen. Im Rahmen einer Bachelorarbeit hat ein Student der Universität Freiburg, Joshua Joachimsky, die Rindennekrosen untersucht. Was nun neu ist, ist diese schlechte Nachricht: „Wir müssen damit rechnen, dass wir sie nach und nach alle verlieren müssen.“

Gerade an diesem Punkt brach auch noch die Übertragung von Essers Bericht in der Videokonferenz ab, sodass OB Peter Demmer den Sachstand knapp zusammenfasste: „Auch die neu gepflanzten Bäume sind befallen. Für die Zukunft müssen wir uns neu aufstellen, die Platanen werden nach und nach kaputtgehen.“ Soweit die erste Info dazu, betonte Demmer. Gabriel Mahren, Fraktionsvorsitzender der Grünen, empörte sich: „Das kann man doch nicht einfach so abhandeln!“ Die Grünen fordern, dazu ein Gutachten zu sehen, und zwar möglichst bald und dann das weitere Vorgehen zu beraten.

Auf dem Bericht Essers, der der SZ vorliegt, geht hervor: Seit 2016 beobachtet der NBS einen „kontinuierlichen Vitalitätsverlust“ an den Kopfplatanen auf dem Großen Markt. Zu Beginn wurde dies vor allem dem Standort zugeschrieben, die ungünstigen Bodenverhältnisse stellten einen hohen Stressfaktor dar, so die Vermutung, dazu die Begleiterscheinungen wie Sauerstoffverlust im Boden und verringerter Oberflächenwassereintrag. Versuche, den Standort nachhaltig zu verbessern, schlugen fehl: intensive Bodenverbesserung, Düngung, Wässerung. „Durch die Maßnahmen, die sonst sehr gut und schnell wirken, wurde keine erkennbare Verbesserung herbeigeführt“, schildert Esser. Der Befall durch die Platanengitterwanze sowie die große Baumlaus setzte den Bäumen außerdem zu.

Erste Untersuchungen von infizierten Holzproben wurden vom NBS bereits 2017 bei einem Baumpathologischen Büro in Freiburg beauftragt, da der Verlauf und die Symptomatik der erkannten Schäden nicht einwandfrei auf einen bekannten Erreger zurückzuführen sind. Die Untersuchung identifizierte verschiedene Pilze, die für die Baumart nicht als typisch anzusehen ist. „Nach längerem Bemühen gelang es, die Universität Freiburg für diese neuartigen aggressiven Rindennekrosen zu interessieren“, schildert Esser.

Die aufwändige histologische Untersuchung von Proben im Rahmen der Bachelorarbeit ergab demnach: Die Rindennekrose entsteht an den Astverdickungen der Platanen, entwickelt sich über die Äste zum Stamm und von dort in Richtung Boden. „Diese Symptomatik ist vergleichbar mit einer Krankheit, die vor allem an Weinreben bekannt ist“, gibt Esser wieder. Diese „Komplexkrankheit verschiedener pilzlicher Erreger“ verursacht im Weinbau große Schäden, sie kann bisher nur mit der Vernichtung befallener Reben bekämpft werden.

Das Besondere: „Die Liste der an der Platane isolierten Pilze ist nicht nur aufgrund der Menge oder der jeweils betroffenen Bereiche interessant, sondern vor allem, da ihr Hauptwirt bisher nicht in der Arboristik, also nicht an Bäumen zu finden ist.“

Die Fachleute vermuten, dass die durch den Klimawandel bedingten steigenden Temperaturen der Verbreitung der Krankheit zuträglich sind. Auch sei möglich, dass die Erreger durch Lebewesen und Wasser weitergegeben werden.

Befallen sind in Saarlouis neben den 85 (der insgesamt 106) Platanen am Großen Markt auch noch fünf der 17 in der Deutschen Straße (eine musste bereits gefällt werden) und sechs der 40 in der Französischen Straße. Von den 52 Platanen, die am Kleinen Markt stehen, ist bisher keine betroffen.