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So nutzt man geschenkte Zeit

Leben und Kultur : So nutzt man geschenkte Zeit

Der Wadgasser Stanislaus Klemm (78) hat die Corona­zeit zum Nachdenken genutzt und seine Gedanken in einem Büchlein zusammengefasst.

Corona hat vieles verhindert, etliches verändert und so manches gar auf den Kopf gestellt. Der Wadgasser Stanislaus Klemm (78) hat die Coronazeit zum Nachdenken genutzt. Bei ausgedehnten Spaziergängen durch die Natur hat er seinen Gedanken freien Lauf gelassen und sie schließlich in einem kleinen Büchlein zusammengefasst, das jetzt im GeistkirchVerlag erschienen ist. So nutzte er die Krise zu etwas Positivem, nutzte die geschenkte Zeit, um über sein bisheriges Leben als Ganzes nachzudenken und diese Erkenntnisse niederzuschreiben.

Stanislaus Klemm, Jahrgang 1943, ist Diplom-Psychologe und Theologe. Nach dem Studium der Theologie und Psychologie arbeitete er zunächst therapeutisch an verschiedenen Suchtkliniken, war dann über 20 Jahre lang hauptamtlich in der Telefonseelsorge aktiv, um sich anschließend im Bereich der Erziehung-, Familien-, Ehe- und Lebensberatung des Bistums Trier zu engagieren. In der Coronazeit fiel ihm ein ganz besonderer Trend auf, nämlich Kieselsteine zu bemalen, künstlerisch zu gestalten, mit Botschaften zu beschriften, sie in der Natur zu verstecken und sie von anderen wieder finden und deuten zu lassen. „Angesichts der kontakt- und kunstarmen Zeit eine schöne und kreative Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten,“ findet Stanislaus Klemm.

Als passionierter Steinsammler sind ihm Kieselsteine natürlich sehr vertraut, also die abgebrochenen Stücke vom Muttergestein, die im Laufe einer Jahrmillionen langen Zeit mit unendlicher Geduld vom Wind und dem Wellenschlag rund und glatt geschliffen wurden. Kieselsteine sind somit Steine, die so bearbeitet noch kompakter, härter und wesentlicher geworden sind.

Das war auch die Idee zu seinem Buch. „Wie Kieselsteine“, so auch der Titel, sollten nämlich auch die 100 Beiträge darin ausfallen, kürzer prägnanter kompakter - mit einem Wort wesentlicher. Und jeder der 100 Beiträge hat einen kurzen Text, ein besonderes Foto und einen sinnführenden Sinnspruch bei sich.

„Kieselsteine spielten schon in der großen Literatur eine besondere Rolle,“ erklärt Stanislaus Klemm. Die Bibel erzählt, wie der kleine David mit einem Kieselstein den mächtigen Goliath schachmatt setzt. „Der runde Kieselstein hat es auf den Punkt gebracht und der Macht eine Grenze gesetzt,“ sagt dazu Stanislaus Klemm.

Auch im Märchen „Hänsel und Gretel“ hört man, dass die Kinder beim ersten Mal, als sie im Wald ausgesetzt wurden, mit Hilfe verstreuter Kieselsteine, die im Mondlicht glänzten, den Weg wieder ins Vaterhaus fanden. „Kieselsteine sind also,“ so Stanislaus Klemm, „auch ein Symbol für den Weg ins Vaterhaus aber auch zurück in die Natur.“

„Wenn man ein Buch über das ganze Leben schreibt, gerät man schnell ins Uferlose“, weiß auch Stanislaus Klemm, der sich deshalb ganz bewusst auf nur 100 kurze Beiträge beschränkt. Das Themen­spektrum reicht dabei von Lebensanschauungen, Glaube und Religion über die Auseinandersetzung mit der Natur – natürlich auch mit der Welt der Steine – bis hin zu psychologischen und pädagogischen Beiträgen. Weiter gehören dazu der Bereich der Partnerschaft, die vielen Fragen unserer Wahrnehmung insbesondere der Fähigkeiten des Sehens und Hörens und natürlich der ganze Bereich von Krise, Krankheit und Leid sowie die Fragen um Sterben und Tod. Und ganz zum Schluss hat sich Stanislaus Klemm und seinen Lesern die Frage gestellt, welche Texte er auf eine einsame Insel mitnehmen würde.

Wer das Buch „Wie Kieselsteine“ liest, kann gewissermaßen „einen Spaziergang am Strand seines eigenen Lebens machen,“ erklärt Stanislaus Klemm abschließend. Er kann dabei den ein oder anderen Kieselstein von ihm, also ein bestimmtes Thema aufheben und betrachten, kann weiter daran schleifen, kann dabei verweilen, bevor die Schleifräder des Lebens sich wieder weiterdrehen. So wie Kieselsteine ja immer weiter geschliffen werden, so sind nach seiner Meinung auch unsere Erfahrung mit dem Leben. „Auch Veränderungen hören nie auf“, und Klemm zitiert dabei den alten Philosophen Heraklit (500 v.Chr.): „Panta Rei“ – „Alles fließt“. Nur was sich verändert bleibt!

Es gibt einen Text, der Stanislaus Klemms Liebe zu den Steinen am intensivsten erklären kann: „Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier und erwacht im Menschen.“ „Alles hängt mit allem zusammen,“ besagt diese alte indische Weisheit.

Stanislaus Klemm „Wie Kieselsteine“ – 100 kurze Texte an dem Strand des Lebens. Geistkirch Verlag Saarbrücken 2021, ISBN 978-3-946036-24-1, 395 Seiten, 16.80 Euro