1. Saarland

Spahn wegen Biontech-Deckelung im Saarland in Kritik – heftige Debatte

„Hausarztpraxen bereits jetzt am Limit“ : Saar-Ärzte drohen mit Impf-Ausstieg – hitzige Diskussionen über Biontech-Deckelung

Die Ankündigung von Gesundheitsminister Jens Spahn zu den Impfstoffbegrenzungen von Biontech stößt weiter auf heftige Kritik. Im Saarland kündigen Ärzte sogar einen Impf-Ausstieg an.

Zahlreiche niedergelassene Ärzte im Saarland haben angekündigt, in ihren Praxen keine Corona-Impfungen mehr anzubieten. Das teilte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Saarlandes am Montag mit. Grund dafür sei die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Liefermengen von Biontech auf 30 Dosen pro Arzt zu begrenzen. Damit „würgt der Bundesgesundheitsminister den Impfturbo ab und verursacht Chaos in den Praxen“, sagt KV-Vize Joachim Meiser.

In den saarländischen Praxen seien bereits „zigtausende“ Impftermine für die kommenden Wochen vergeben. Sowohl die Praxen als auch die Impfwilligen gingen davon aus, dass der breit akzeptierte Impfstoff Biontech eingesetzt werde.  Die Kassenärztliche Vereinigung fordert Spahn daher dazu auf, die Kontingentierung, wenn sie schon unumgänglich sei, um einige Wochen zu verschieben, damit sich die Praxen besser darauf vorbereiten könnten.

Der Präsident des saarländischen Hausärzteverbands, Dr. Michael Kulas, kritisiert die Kontigentierung des Impfstoffs ebenfalls. „Zehn Monate lang hat die Bundesregierung die Bevölkerung auf Biontech eingeschworen. Dass das ein guter Impfstoff ist, hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt“, sagt er. Von Moderna habe bisher kaum jemand etwas gehört. Einige Patienten sagen, es sei ihnen „wurschd“, mit was sie geimpft werden. Hauptsache, geimpft. „Sehr viele Menschen, die mit großem Vertrauen zu uns kommen,  sind nun aber verunsichert“, weiß Kulas.

„Die Hausarztpraxen arbeiten bereits jetzt am Limit“

Die Diskussionen um den Nachschub mit Impfstoff sind heftig, seit Spahn angekündigt hat, Biontech/Pfizer zu limitieren, weil erst noch Moderna-Impfstoff, dessen Haltbarkeitsdatum abläuft, raus muss. „In den vergangenen Wochen konnte praxisindividuell unbegrenzt Impfstoff bestellt werden“, teilt Kerstin Kaiser von der Kassenärztliche Vereinigung Saarland der SZ auf Anfrage mit. „Ab der Woche vom 29. November bis zum 5. Dezember wurde die Impfstoffmenge von Biontech/Pfizer bis auf Weiteres kontingentiert. Vorerst bekannt sind derzeit pro Arzt 30 Dosen Biontech und unbegrenzt Moderna“, erklärt sie.

Der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende und ehemalige Chefarzt Dr. Helmut Isringhaus hat die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) aufgefordert, sich bei Spahn gegen die angekündigte Begrenzung des Biontech-Impfstoffs für Hausärzte einsetzen. „Die Hausarztpraxen arbeiten bereits jetzt am Limit. Es steht zu befürchten, dass viele entscheiden werden, aus dem Impfprogramm auszuscheiden“, warnt Isringhaus.

Moderna statt Biontech: Spahn bedauert, dass sich Praxen umstellen müssen

Das Gesundheitsministerium hatte Begrenzungen bei Biontech-Bestellmengen angekündigt und verärgerte Reaktionen hervorgerufen. Nun rechnete Spahn vor: Bis Jahresende gebe es 24,3 Millionen Dosen Biontech/Pfizer und bis zu 26 Millionen Dosen Moderna. „Das ist genug für alle anstehenden Impfungen.“ Die meisten Auffrischimpfungen könnten mit Biontech gemacht werden. Spahn bedauerte, dass sich Praxen und Impfstellen umstellen müssten.

Vor der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) teilte Spahn am Montag dann mit, dass das Mainzer Unternehmen Biontech in der kommenden Woche eine Million zusätzliche Corona-Impfdosen ausliefern will. Damit sollen nächste Woche statt zwei Millionen drei Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Die Bundesländer verlangen, dass die Kontingentierung des Biontech-Präparats aufgehoben wird, wie die GMK einhellig beschloss.

Gesundheitsministerium im Saarland ruft zur Booster-Impfung auf

Das saarländische Gesundheitsministerium rief indes alle Personen über 18 Jahren, deren Zweitimpfung mindestens fünf Monate zurückliegt, zur Auffrischungsimpfung auf. Dies teilte das Ministerium nach einem sogenannten Impfgipfel mit, zu dem es am Montag die Landkreise, die Leiter der Impfzentren, die Kassenärztlichen Vereinigung, die Ärztekammer und Vertreter der Betriebsärzte eingeladen hatte. Das Impfzentrum Nord in Büschfeld verimpfe ausschließlich Moderna. „Alle weiteren Impfzentren halten sowohl ein Impfangebot mit Biontech als auch Moderna vor“, heißt es. Personen unter 30 Jahren sollen mit Biontech geimpft werden. Und das Ministerium sagt: „Auch wenn die erste und zweite Impfung mit Biontech erfolgte, kann die Auffrischung mit Moderna erfolgen oder umgekehrt.“

Die Impfzentren in Büschfeld, Saarlouis und Neunkirchen werden – voraussichtlich – am Montag, 29. November, den Betrieb aufnehmen. Der Standort Saarbrücken wird voraussichtlich zum Jahresbeginn öffnen, teilte das Ministerium mit. Es soll in den Impfzentren, die man im Oktober erst geschlossen hat, nun in zwei Schichten gearbeitet werden. Rechne man die Leistung in den Arztpraxen dazu, können 300 000 Impfungen bis Jahresende verabreicht werden, hat das Ministerium ausgerechnet.

Um das Impftempo zu erhöhen, haben am Montag die saarländische Tierärztekammer und die Apothekenkammer signalisiert, dass sie Hilfe leisten würden, wenn die Politik das will. Weitere Informationen dazu lesen Sie hier.