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Einsatzleiter aus St. Wendel berichtet aus Krisengebiet in der Eifel

St. Wendeler Einsatzleiter berichtet aus Krisengebiet : „Am Mittwoch wurden noch Leichen geborgen“

Feuerwehren aus dem Saarland sind am Dienstag mit 111 Hilfskräften ins rheinland-pfälzische Krisengebiet aufgebrochen. Einsatzleiter Dirk Schäfer spricht über belastende Eindrücke, schwierige Aufräumarbeiten und das Katastrophenmanagement im Kreis St. Wendel.

Herr Schäfer, Sie sind seit Dienstag im Krisengebiet im Einsatz. Können Sie die Lage beschreiben?

Dirk Schäfer Gerade stehe ich in dem kleinen Dorf Schuld, mitten im Herzen der Eifel. Es ist einer der Orte, die das Unwetter am schlimmsten getroffen hat. Schuld liegt in einem Talkessel, der Ortskern wird von der Ahr quasi in einer Schleife umflossen. Das ist dem Dorf zum Verhängnis geworden. Während des Unwetters ist der Fluss über die Ufer getreten und hat im Umfeld von 200 Metern eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Inzwischen ist die Ahr zwar wieder in ihr Flussbett zurückgekehrt. Dafür ist die Zerstörung nun sichtbar: Überall liegen Trümmer herum, zerstörte Autos stehen an den Straßen und der Boden ist mit Schlamm bedeckt. Es sind gerade viele Helfer, etwa von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und der Bundeswehr, vor Ort. Die Bundeswehr hat Berge- und Brückenlegepanzer im Einsatz. Damit lassen sich Behelfsbrücken über die Ahr legen. Sie müssen sich vorstellen, die meisten Brücken sind eingebrochen. Das Dorf Insul, ein Nachbarort von Schuld, beispielsweise war noch bis Dienstagabend zweigeteilt. Die Brücke, die die beiden Ortshälften miteinander verbindet, ist nicht mehr befahrbar. Die Anwohner und auch die Hilfskräfte mussten jedes Mal einen Umweg von 20 Kilometern in Kauf nehmen. Am Dienstag hat die Bundeswehr dann eine Behelfsbrücke errichtet. Das ist für die Bevölkerung ein Riesenschritt und eine große Erleichterung für das Miteinander.

Sie waren auch am Tag nachdem das Unwetter zugeschlagen hat in der Eifel. Wie hat sich die Situation seitdem verändert?

Schäfer Am Tag nach dem Unwetter stand hier noch alles unter Wasser. Das ist jetzt wieder weg. Die warmen Temperaturen haben in den vergangenen Tagen dazu geführt, dass alles ein wenig abgetrocknet ist. Die Hitze in Kombination mit frei herumliegenden Tierkadavern, Fäkalien und Müll birgt aber auch die Gefahr, dass sich Krankheitserreger ausbreiten. Im Vergleich zu den ersten Tagen nach der Katastrophe sind die Aufräumarbeiten schon ein gutes Stück vorangeschritten. Aber es wird noch viel Arbeit sein, diesen Schutt und das Geröll wegzuschaffen.

 Dirk Schäfer, Leiter des Amtes für Katastrophenschutz im Landkreis St. Wendel.
Dirk Schäfer, Leiter des Amtes für Katastrophenschutz im Landkreis St. Wendel. Foto: Evelyn Schneider

Was ist die Aufgabe der saarländischen Feuerwehrleute?

Schäfer Wir tun alles, was den Menschen bei der Bewältigung dieser schwierigen Situation hilft. In Ortschaften, in denen die Feuerwehrgerätehäuser weggeschwemmt wurden, stellen unsere Einheiten den Brandschutz sicher. Wir pumpen vollgelaufene Gebäude aus, unterstützen bei der Stromversorgung, leuchten Einsatzgebiete aus und teils schaufeln wir auch mit Eimern die Keller leer. Die Marpinger Feuerwehrleute beispielsweise haben gerade ein paar Notduschen aufgebaut. Zusätzlich transportieren wir Verpflegung in die Krisenregionen, in denen es immer noch kein Trinkwasser gibt. Am Mittwochabend waren wir in einem Abschnitt tätig, in dem noch Leichen geborgen wurden.

Wie sehr belastet dieser Einsatz die Hilfskräfte?

Schäfer Es ist ein sehr belastender Einsatz. Solch eine Verwüstung haben die meisten von uns wohl noch nie gesehen. Wenn wir einen Keller leerpumpen, ist uns bewusst, dass wir dort Tote finden könnten. Das ist bei der hohen Anzahl an vermissten Personen nicht ausgeschlossen.

Reden Sie untereinander über die Erlebnisse?

Schäfer Da gibt es schon einen Austausch. Es sind auch Notfallseelsorger vor Ort, die den Einsatzkräften als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Aber im Moment sind die Helfer voller Tatendrang. Sie wollen anpacken und kommen nicht wirklich zur Ruhe. Daher wird die Verarbeitung der Erlebnisse erst erfolgen, wenn der Einsatz beendet ist.

Wie lange bleiben die saarländischen Helfer noch in der Eifel?

Schäfer Solange wir gebraucht werden. Darüber stimmen sich die Innenminister der beiden Bundesländer ab. Intern tauschen wir die Einsatzkräfte immer mal wieder aus. Nach jetzigem Stand werden die technischen Züge am Samstag in die Heimat zurückkehren, da ist auch meine Mission beendet. Der Verbleib der saarländischen Dekontaminationseinheit, zu der auch Kräfte aus Marpingen und Tholey zählen, ist noch offen.

Wie ist der Kontakt zwischen den Helfern und den Anwohnern?

Schäfer Die Einheiten aus dem Landkreis St. Wendel hatten den intensivsten Kontakt zu den Bürgern in Insul. Feuerwehrleute aus der Gemeinde Tholey waren in dem von der Außenwelt abgeschnittenen Teil des Ortes unterwegs. Sie haben dort fünf oder sechs Tage mit der Bevölkerung die Schäden bekämpft. Wenn man den ganzen Tag geschuftet hat, sitzt man abends auch mal gemeinsam auf der Terrasse, oder dem, was davon übrig geblieben ist. Irgendwann kannte man sich mit Vornamen. Die Anwohner waren sehr dankbar für die Unterstützung. Da lief alles Hand in Hand.

Wie ist die Stimmung vor Ort?

Schäfer Die Anwohner gehen gefasst mit der Situation um. Sie sind den aktuellen Geschehnissen ausgeliefert und können nichts daran ändern. Die Menschen packen mit an, sie arbeiten den ganzen Tag. Da herrscht beim Aufräumen ein emsiges Treiben.

Die Hilfsbereitschaft scheint groß zu sein. Überall laufen Sammelaktionen und Spendenkonten wurden eingerichtet. Bekommen Sie davon vor Ort etwas mit?

Schäfer Das stimmt, die Hilfsbereitschaft ist groß. Anfangs sind etliche ehrenamtliche Helfer zur Unterstützung geeilt, die keiner Organisation angehören. Das war teilweise ein Problem für uns. Zahlreiche Häuser sind einsturzgefährdet und müssen geprüft werden. Von daher sollte man davon absehen, auf eigene Faust in eine Krisenregion zu kommen. Mittlerweile steht an vielen Ortseingängen die Polizei, um zu kontrollieren, wer sich in das betroffene Gebiet begibt.

Was wird am Nötigsten gebraucht?

Schäfer Es gab eine enorme Spendenbereitschaft, was Sachspenden betrifft. Auch Baugeräte sind inzwischen ausreichend vorhanden. Wenn man wirklich helfen will, sollte man das mit einer Geldspende tun. Unser Landrat hat beispielsweise beschlossen, das Geld, das auf dem Spendenkonto des Landkreises zusammenkommt, an die Gegend zu spenden, wo die St. Wendeler Hilfskräfte im Einsatz sind. Das ist eine tolle Sache.

Am Wochenende sind erneut Unwetter angekündigt. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Schäfer Es verfällt deswegen niemand in Panik. Aber wir treffen entsprechende Vorkehrungen. Einrichtungen, die sich im unmittelbaren Umfeld des Flusslaufes befinden, werden abgebaut und an andere Stellen, außerhalb des Gefahrenbereichs, verlegt.

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf den Landkreis St. Wendel. Was können wir von der Katastrophe in unserer Nachbarschaft lernen?

Schäfer Warnsysteme, Infrastruktur und Ähnliches – im Moment sind viele Dinge in der Kritik. Hierzu kann ich sagen: Der Landkreis St. Wendel ist auf einem guten Weg. Solch eine Tragödie lässt sich leider nicht verhindern. Aber unser Bestreben ist es, das Risiko für Personen- und Materialschäden zu minimieren. Wir haben bereits jetzt ein zentrales Lager mit Materialien für den Katastrophenfall. Und in den nächsten Wochen und Monaten möchten wir weiter nachrüsten.

Wie denn?

Schäfer In den meisten Kommunen gibt es noch Sirenen, aber eben nicht mehr flächendeckend. Das möchten wir ändern. Wir wollen das Warnsystem im ganzen Landkreis verbessern und ausbauen. Es sollen neue Sirenen installiert werden, die ermöglichen, über Lautsprecher Hinweise und Verhaltensregeln durchzugeben. Eine Fachfirma erarbeitet gerade ein Konzept, wo diese Sirenen überall angebracht werden müssen. Die Gemeinde Oberthal ist Vorreiter. Hier steht bereits fest, dass drei solcher Sirenen notwendig sind. Diese kosten insgesamt 30 000 Euro.