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Esa-Astronaut Matthias Maurer: „Ich dachte, jetzt darf ich keine Fehler mehr machen“

Auf Mission im luftleeren Raum : Saar-Astronaut Matthias Maurer: „Ich dachte, jetzt darf ich keine Fehler mehr machen“

Erstmals hat Esa-Astronaut Matthias Maurer in einer Vakuumkammer trainiert. Im SZ-Gespräch verrät er, wie es sich anfühlt, quasi vom Nichts umgeben zu sein.

Würden Astronauten ohne Schutz im Weltraum schweben, hätten sie keine Chance zu überleben. Denn fernab der Erde herrschen tödliche Bedingungen. Winzige Meteoriten fliegen wie Geschosse umher. Die Temperaturen schwanken von etwa minus 150 bis plus 100 Grad Celsius. Es gibt keine Atmosphäre, die die kosmische Strahlung abschirmt. Und noch dazu würde das Vakuum das Blut zum Kochen und die Lunge zum Platzen bringen.

Bevor die Himmelsstürmer von der Internationalen Raumstation (ISS) in die unendlichen Weiten des Weltalls gleiten, müssen sie daher in einen Raumanzug schlüpfen. Er ist im Grunde genommen ein Mini-Raumschiff, das der extremen Umwelt trotzt und seine Insassen vor dem sicheren Tod bewahrt. Seine Hülle setzt sich aus bis zu 14 Schichten zusammen und auch der Helm ist besonders widerstandsfähig. Darüber hinaus verfügt die Hightech-Kleidung über ein Lebenserhaltungssystem, das etwa die Temperatur reguliert und die Sauerstoffversorgung gewährleistet.

Den Umgang mit dem Raumanzug lernen Astronauten während ihrer Ausbildung. Matthias Maurer hat zur Vorbereitung auf seine Cosmic-Kiss-Mission bereits viele Stunden in dem knapp 200 Kilogramm schweren Spezial-Outfit verbracht. Er tauchte damit beispielsweise in gigantischen Schwimmbecken ab, um für Außenbordeinsätze zu üben (wir berichteten). „Das Training unter Wasser kommt dem Zustand der Schwerelosigkeit ziemlich nahe“, verriet er einmal in einem Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung.

Am Mittwoch stand für ihn nun die nächste Bewährungsprobe an. Im Johnson Space Center in Houston (USA) begab sich der Saarländer erstmals in eine Vakuumkammer. „Dabei hatte ich einen für den Weltraum zugelassenen Raumanzug an und nicht die modifizierte Variante, die ich beim Training unter Wasser trage“, berichtet Maurer. Doch ehe er seine Mission im luftleeren Raum starten durfte, musste er sich mehrere Stunden darauf vorbereiten. Warum? Auf Meereshöhe und in der ISS beträgt der Luftdruck etwa ein Bar. Würde man den Raumanzug im Vakuum jedoch auf ein Bar aufblasen, wäre dieser so steif, dass sich die Astronauten kaum bewegen könnten. „Aus diesem Grund wird der Luftdruck im amerikanischen Anzug auf 0,3 Bar heruntergefahren“, erläutert der 51-Jährige.

Der Körper muss sich daran zunächst gewöhnen. Würde ein Astronaut einfach in den Anzug steigen und direkt die Luftschleuse verlassen, würde er die Dekompressionskrankheit erleiden. Ein Problem, das auch Taucher kennen: Sie dürfen ebenfalls nur langsam aus der Tiefe an die Wasseroberfläche zurückkehren. Ein zu rascher Druckausgleich führt dazu, dass sich Gasblasen im Blut bilden, die lebensgefährliche Gefäßverschlüsse auslösen können.

Um dem vorzubeugen, wird der Luftdruck vor dem Einsatz im Vakuum nach einem festgelegten Protokoll reduziert, der Körper vom Stickstoff freigewaschen. „Ich musste vier Stunden lang mit dem Anzug in der Kammer stehen und reinen Sauerstoff einatmen“, sagt Maurer. Die Zeit habe er genutzt, um verschiedene Funktionen seines Mini-Raumschiffs zu testen. „Anschließend habe ich Fernsehen geschaut“, erzählt er. Im Weltraum würde das Prozedere nicht ganz so lange dauern. „Dort gucken die Astronauten auch keine Filme, sondern absolvieren ein leichtes Sportprogramm“, erklärt Maurer. Durch die Bewegung könne der Stickstoffabbau auf etwa zweieinhalb Stunden beschleunigt werden. Dann endlich kann das Abenteuer beginnen.

„Als ich bereit war, wurde die Luft aus der etwa acht Kubikmeter großen Vakuumkammer gezogen“, schildert der Saarländer. Während des gesamten Trainings habe ein Sicherheitsteam vor der dicken, schweren Tür gewartet. „Wenn mit dem Anzug irgendetwas nicht in Ordnung gewesen wäre, hätten mich die Sanitäter innerhalb weniger Sekunden retten können“, erzählt er. Auch eine Druckkammer, eine Trage und umfangreiches medizinisches Equipment hätten für den Notfall bereitgestanden. „Als ich morgens an der ganzen Ausrüstung vorbei gelaufen bin, dachte ich: Heute wird ein ernster Tag“, sagt Maurer. Doch zum Glück ist seine Mission ohne Zwischenfall vonstattengegangen.

Im luftleeren Raum spielte der Astronaut der Europäischen Raumfahrtbehörde (Esa) unterschiedliche Szenarien durch. „Wir haben alles geprobt, was im Raumanzug schiefgehen kann“, erklärt er. Unter simulierten Weltraumbedingungen musste er zum Beispiel die Versorgungsleitungen an- und abstöpseln, Schwierigkeiten beim Funken meistern sowie einen Stromausfall in den Griff bekommen. Außerdem durfte er zwei Experimente ausprobieren. „Ich habe eine Schale mit Wasser mit in die Kammer genommen. Als das Vakuum erreicht war, hat das Wasser angefangen zu verdampfen, obwohl es gar nicht heiß war“, beobachtete Maurer. Zurückzuführen ist die Reaktion darauf, dass mit abnehmendem Luftdruck der Siedepunkt von Flüssigkeiten sinkt.

Sein zweites Experiment haben bereits die Apollo-Astronauten auf dem Mond durchgeführt. Sie ließen gleichzeitig einen Hammer und eine Feder fallen. „Auf der Erde würde der schwerere Gegenstand den Boden zuerst erreichen. Aber im Vakuum fällt alles gleich schnell“, weiß der Raumfahrer. Er habe in die Kammer aus Sicherheitsgründen keinen Hammer mitnehmen dürfen, dafür aber einen Teflon-Block und ein Stückchen Aluminiumfolie. „Ich sollte die beiden Gegenstände gleichzeitig fallen lassen und zusehen, wie sie gleichzeitig auf dem Boden landen“, erklärt Maurer. Dummerweise habe er den Teflon-Block mit den dicken Handschuhen nicht richtig festhalten können. „Er ist mir aus den Fingern gerutscht und kam deshalb auch zuerst auf dem Boden an, während ich die Alufolie immer noch in der Hand hielt. Das Experiment hatte ich vermasselt. Das passiert mir später bei meiner Mission hoffentlich nicht“, sagt der Astronaut und lacht über das kleine Missgeschick.

Das Training sei für ihn super spannend gewesen. Jetzt habe er ein Gefühl dafür, wie sich die überlebenssichernde Hülle im Vakuum verhält und sein Körper auf den reduzierten Luftdruck im Anzug reagiert. „Faszinierend fand ich, wie ruhig es plötzlich um mich herum geworden ist“, berichtet Maurer von seinen Eindrücken. Ohne Luft funktioniere die Schallübertragung nicht mehr. Er habe daher nur noch das leise Brummen des Ventilators im Raumanzug gehört. Außerdem habe sich durch den geringen Luftdruck seine Stimme verändert. Sie sei viel dunkler geworden.

Doch es gibt noch einen tiefgehenderen Eindruck, den er vom Training im Vakuum mitgenommen hat: „Zu wissen, dass da keine Luft mehr um einen herum ist – das ist vom Kopf her schon etwas anderes. Ich dachte: Jetzt darf ich keine Fehler mehr machen.“