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Gemeinde Freisen: Mutmaßliches Missbrauchsopfer schickt Brief an Kardinal Marx

„Habe mit kaltherziger Antwort gerechnet“ : Mutmaßliches Opfer schreibt emotionalen Brief an Kardinal Marx

„Täterfreundliches Verhalten“ – Betroffener wirft Kardinal Reinhard Marx Versäumnisse bei der Aufklärung mutmaßlicher Missbrauchsfälle in der Gemeinde Freisen vor.

„Ich bin derjenige, welcher 2006 den Freisener Pfarrer (...) bei der Polizei angezeigt hat.“ So beginnt Timo Ranzenberger seinen sehr emotionalen Brief, den er in Zeiten einer breiten Berichterstattung über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche an den Münchener Kardinal Reinhard Marx geschickt hat. Marx war 2006 Bischof im Bistum Trier. Auch Marx wird Pflichtverletzung vorgeworfen (wir berichteten). Es folgen viele Zeilen, in denen Ranzenberger detailliert darlegt, was seiner Meinung nach die Kirche und dabei gerade auch Marx in seinem Fall versäumt haben. Im Interview mit der SZ spricht Ranzenberger über seine Beweggründe und wie er weiter vorgehen will.

Herr Ranzenberger, Sie haben einen persönlichen Brief an Kardinal Reinhard Marx geschrieben. Was waren Ihre Beweggründe?

RANZENBERGER Ich hatte dies schon seit 2016 vor, nachdem bekannt wurde, dass der Herr Kardinal Marx im Jahre 2006 über meine Anzeige von der Staatsanwaltschaft informiert wurde. Nach der jüngsten Berichterstattung sah ich nun den Zeitpunkt hierfür für gegeben an, da auch Kardinal Marx erst in jüngster Zeit mit dem Sachverhalt konfrontiert wurde und dies somit auch noch alles frisch bei ihm war oder ist. Solch ein verantwortlicher Entscheidungsträger sollte auch mal persönlich erfahren, was Betroffene seiner Entscheidungen so denken über ihn und seine Gemeinschaft und nicht bloß alles über Medien erfahren. Er selbst sollte dann mal in Ruhe und für sich alleine darüber nachdenken. Das wollte ich ihm schriftlich mal zukommen lassen, da man solche Menschen auch sehr schwer persönlich erreichen kann.

Warum haben Sie den Brief öffentlich gemacht?

RANZENBERGER Ich habe den Brief am 5. Mai zuerst an die Postfachadresse seines Erzbistums München-Freising per Einwurf-Einschreiben gesendet und ihm so die Gelegenheit gegeben, den Brief persönlich zu lesen. Da weder per Email, noch per Telefon oder gar per Post eine Reaktion kam, hatte ich die Befürchtung, dass der Brief gar nicht weitergeleitet wurde innerhalb seiner Institution und er somit den Brief gar nicht gelesen hat. Über die Vereinsseite „MissBit“ und dann über die Facebookseite des Erzbistums München-Freising war ich mir sicher, dass mein Brief dann zum von mir gewünschten Empfänger gelangen wird. Wenn eine zeitnahe Reaktion seitens des Herrn Kardinal oder seiner Mitarbeiter erfolgt wäre, hätte ich den Brief nicht öffentlich gemacht.

Was genau werfen Sie dem Bischof vor?

RANZENBERGER Täterfreundliches Verhalten. In der gesamten Personenkette als letzter verantwortlicher Entscheidungsträger in seinem damaligen Bistum hat Herr Kardinal Marx als Bischof von Trier im Jahre 2006 nach einem Hinweis der zuständigen Staatsanwaltschaft Saarbrücken zu meiner Anzeige vom 23. April 2006 sich nicht an die gültigen Leitlinien der deutschen Bischofskonferenz von 2002 gehalten und somit dagegen verstoßen. Er hat einen mutmaßlichen Täter weiter unbehelligt in seiner Gemeinde belassen, versagt und hierbei grobe Pflichtverletzung begangen. Vorhandenen Hinweisen nicht gründlich nachzugehen und diese Hinweise dann in einer Schublade/Geheimarchiv verschwinden zu lassen ist meiner Ansicht nach Vertuschung light.

Welche Reaktion hatten Sie sich erhofft?

RANZENBERGER Dass überhaupt irgendeine Reaktion kommt, in welcher Form auch immer. Egal ob per Telefon, per Email oder per Post.

Mittlerweile kam ein Antwortschreiben. Was steht drin?

RANZENBERGER Per Post, Email oder Telefon kam lange nichts. Das Facebook Social-Media-Team hat in den Kommentarspalten zu meinem Beitrag auf deren Seite geantwortet. Hier der Wortlaut: „Danke Timo Ranzenberger für die offenen Worte und die Zuschrift, die auch unserem Kardinal Reinhard Marx bereits vorliegt. Wir als Social-Media-Redaktion weisen auf die öffentliche Stellungnahme der (Erz)Bistümer Limburg, Trier und München und Freising zu diesem Thema hin, die auch im Internet zu finden ist.“ Am 22. Mai kam dann ein Schreiben, in dem der Eingang meines Briefes bestätigt wird.

Wie bewerten Sie die Antwort auf der Facebookseite?

RANZENBERGER Sehr behördlich formal, trocken und kalt. Der Verfasser des Antwortschreibens wollte wohl nicht zu viel schreiben, um wohl selbst keinen Ärger zu bekommen.

Ihr Brief war sehr emotional, die Antwort eher formal. Kränkt Sie das?

RANZENBERGER Mit einer formalen und kaltherzigen Antwort habe ich schon gerechnet. In der Vergangenheit, in anderen Fällen, hat sich die katholische Kirche in Antwortschreiben den jeweiligen Betroffenen gegenüber stets von ihrer kaltherzigen Seite gezeigt. Somit ist dies für mich keine Überraschung und hat mich deshalb auch nicht gekränkt. Solch eine Antwort war zu erwarten.

Noch immer ist Ihr Fall nicht abgeschlossen. Er wird vor dem Kirchengericht in Köln bearbeitet. Was erwarten Sie von diesem kirchlichen Strafverfahren?

RANZENBERGER Wenn der weltlichen Justiz schon die Hände gebunden waren/sind aufgrund der gesetzlichen Lage – Stichwort: gesetzliche Verjährung –, dann hoffe ich, dass hier in meinem besagten Fall nun wenigstens die kirchliche Gerichtsbarkeit in nicht allzu ferner Zukunft ein zufriedenstellendes Urteil fällen wird.

Werden Sie einen ähnlichen Brief auch an Bischof Stephan Ackermann schreiben?

RANZENBERGER Ich habe bereits vor einigen Tagen angefangen, einen Brief zu verfassen an Herrn Bischof Ackermann. Wie auch bei dem Brief an Kardinal Marx, werde ich dies in Ruhe tun und dabei nichts überstürzen. Auch Bischof Georg Bätzing werde ich schreiben. Im Anschluss gehen beide Briefe auch an Papst Franziskus.

Können Sie uns kurz beschreiben, wie es Ihnen heute geht, wie Sie leben?

RANZENBERGER Die katholische Kirche hält mich nach wie vor auf Trab, was man ja bestimmt an meinem Brief erkennen kann, und ich bin deswegen auch etwas angespannt. Sonst geht es mir aber den Umständen entsprechend gut. Ich lebe freiwillig seit längerer Zeit nachweislich rückfallfrei, abstinent und stabil in einer vollstationären Einrichtung für Suchtkranke in der Nähe von München, wo ich meinen strukturierten Alltag bewerkstellige.

Der Brief von Timo Ranzenberger im Internet:

https://missbit.de/presse/