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Saarland: Missbrauch in katholischer Kirche – Opfer erhebt schwere Vorwürfe

Nach brisantem Spiegel-Bericht über Missbrauch : Traumatisiertes Opfer aus Freisen erhebt schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche

Ein brisanter Spiegel-Bericht bringt neue Details über die jahrzehntelangen sexuellen Übergriffe von katholischen Priestern im Bistum Trier ans Licht. Darin geht es auch um das Schicksal von Timo Ranzenberger. Gegenüber der SZ spricht er nun über seinen Fall – und fordert Konsequenzen.

Die tiefe Enttäuschung über den mangelnden Aufklärungswillen sexueller Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche ist der Wut darüber gewichen. Denn für Timo Ranzenberger steht fest: Nach jahrzehntelanger Vertuschung von Übergriffen durch Geistliche sei der Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für Fragen des sexuellen Missbrauchs ernannt worden, der diesen Titel nicht im Geringsten verdient habe.

Bischof-Rücktritt von Ackermann, Marx und Bätzing gefordert

Hinweise des heute 38 Jahre alten Missbrauchsopfers seien jahrelang ignoriert worden. Sogar darauf fußende staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und ein Geständnis des Freisener Pfarrers ließen die Diözese in Schweigen und Nichtstun verharren, wirft er den Verantwortlichen und dem damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx vor. Auch der Einsatz des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing (Limburg), die vertuschten Fälle aufzuarbeiten, lasse mehr als zu wünschen übrig. „Ich fordere den Rücktritt von Marx, Ackermann und Bätzing“, sagt Ranzenberger im Gespräch mit der SZ.

Damit unterstreicht er eine entsprechende Aussage des Münsteraner Kirchenrechtlers Thomas Schüller in der Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins Spiegel. In dem Beitrag mit dem Titel „Das Schweigen der Hirten“ geht es um mangelnden Aufklärungswillen. Darin beleuchten die Autoren ein Versagen der katholischen Kirche, Missbrauchsfälle durch Geistliche aufzuklären. Auch saarländische Fälle wie die von Freisen im Landkreis St. Wendel kommen hier erneut zur Sprache. Die SZ hatte mehrfach darüber berichtet.

Ranzenberger, der Ende der 90er-Jahre in Freisen mehrfach von einem Pfarrer sexuell missbraucht worden sein soll und heute weit weg in Bayern lebt, sagt im SZ-Gespräch: „Es stimmt, was Schüller sagt: Es fehlt an echtem Aufklärungswillen. Darum wäre ein Rücktritt vollkommen richtig.“ Die katholische Kirche habe die Aufarbeitungskommission lediglich eingerichtet, „weil es gemacht werden muss. Da haben Journalisten nachgebohrt.“ Ohne diese Recherchen hätte es keine Ansätze gegeben, so seine Überzeugung. Eine echte Aufklärung gebe es dann bis heute nicht.

Opfer: Täter lebten geschützt hinter Kirchenmauern

Immer wieder sei verhindert worden, die Opfer vor den Tätern zu schützen und Geistliche zur Rechenschaft zu ziehen. „Die Täter lebten geschützt hinter Kirchenmauern.“ Die Verantwortlichen der Bistümer, die etwas hätten ausrichten können, verschanzten sich hinter Gesetzen. War ein Vorfall verjährt, habe es ihn für die Kirche auch nicht mehr gegeben. 

So sind auch die Taten, die Ranzenberger aus seiner Zeit in Freisen betreffen, juristisch längst verjährt. Als 15-Jähriger war er 1999 laut eigenen Angaben mehrfach von einem Pfarrer missbraucht worden. 2006 zeigte er ihn deshalb an. Doch als die Kirche von den Ermittlungen erfahren habe, habe das Trierer Bistum unter seinem damaligen Bischof Marx nichts unternommen. Der Pfarrer blieb in Amt und Würden, berichtet er.

Hinweise von Polizei und Staatsanwalt ignoriert

Schlimmer noch: Hinweise eines Polizisten an die Diözese hätten sogar das Gegenteil bewirkt. Ranzenberger beschreibt: „Die Kirche blieb nicht untätig: Sie wurde gegen den Beamten tätig. Hier wurde der Pfarrer geschützt.“

Über diese Vorwürfe berichtete auch der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Demnach soll der Pfarrer im Jahr 2006 – einige Zeit nach der Vernehmung durch die Polizei im Fall Ranzenberger – eine Mannschaft aus seiner Gemeinde bei einem Jugendfußballturnier betreut haben. Nachdem ein Kommissar, der den Pfarrer zuvor selbst vernommen hatte, zufällig ebenfalls vor Ort gewesen sei, soll er beim Bistum Trier angerufen haben. Es könne nicht sein, dass der Pfarrer Jugendmannschaften betreuen dürfe, so die mahnenden Worte des Polizisten.

Wenig später soll sich das Bistum über den Kommissar bei seinem Vorgesetzten beschwert haben. Das Bistum Trier wollte sich gegenüber dem Spiegel nicht dazu äußern.

Dass es unter denjenigen, die jetzt bei den Bistümern in Amt und Würden sind und es damals auch schon waren, zu echter Aufklärung kommt, damit rechnet das Opfer indes nicht. „Es müssen jetzt welche ran, die jünger sind, unbelastet, die damals noch nicht da waren“, sagt Ranzenberger zur SZ. Ansonsten verspricht er sich nicht viel davon.

Bis heute hat er die traumatischen Erlebnisse von einst nicht verarbeitet. Auf eigenen Wunsch wohnt er seit acht Jahren in einer Einrichtung zur Suchtbekämpfung. Alkohol war über Jahre sein treuer und zugleich zerstörerischer Begleiter. Mehrere Jahre lebte er in seinen eigenen vier Wänden, griff da aber immer wieder zur Flasche. „Ich bin zu meinem eigenen Schutz hier in dieser stationären Einrichtung.“ Insbesondere der Druck im Vorfeld der Spiegel-Veröffentlichung habe ihm erneut sehr zugesetzt.

Anfeindungen wie früher, warum er mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit geht, gebe es heute nicht mehr. „Ich erhalte gerade über Facebook sehr viel Zuspruch“, berichtet er. Das war nicht immer so. Noch verheerender sei es gewesen, wenn das Opfer seinen Missbrauch im Ort publik gemacht habe. Ranzenberger sagt: „Das war gesellschaftlicher Selbstmord“ in einer Gegend, in der damals die Kirche unantastbar war. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein, Priester tun so etwas nicht. Die Aussage eines Kindes: Was sei die im Vergleich zu der eines Klerikalen schon wert gewesen?

Opfer-Brief an Bischof bei Facebook zu lesen

Bei Facebook veröffentlichte Ranzenberger jetzt auch die drei Schreiben an die Bischöfe Ackermann, Marx und Bätzing. Grund dafür, dass er diese dort jedem Nutzer zugänglich machte: In der Vergangenheit habe er auf einen Brief an Marx keine Antwort erhalten. Stattdessen habe es Reaktionen der Digitalabteilungen oder der Hofsekretäre gegeben. Was für Ranzenberger ein weiterer Beleg für den inakzeptablen Umgang mit den Vorkommnissen sei.

Ein Rücktritt ist seines Erachtens deshalb unausweichlich. „In einem Wirtschaftsunternehmen wären solche Bedienstete sofort entlassen worden, die etwas vertuschen wollen und Hinweisen der Staatsanwaltschaft nicht nachgehen.“