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Letzte Vorbereitungen bei Esa-Astronaut Matthias Maurer: „Für Nervosität kein Platz“

Nur noch zehn Wochen bis zum Start ins All : Letzte Vorbereitungen von Saar-Astronaut Matthias Maurer: „Für Nervosität ist kein Platz mehr“

Der Countdown läuft: An diesem Sonntag in zehn Wochen wird der saarländische Esa-Astronaut Matthias Maurer zur Internationalen Raumstation fliegen. Im SZ-Interview spricht er über die letzten Vorbereitungen, körperliche Grenzen und Tourismus ins All, der früher kommen könnte als viele dachten.

Herr Maurer, in voraussichtlich zehn Wochen startet Ihre Mission zur Internationalen Raumstation (ISS). Was überwiegt: Vorfreude oder Nervosität?

Matthias Maurer Ganz klar die Vorfreude. Ich freue mich jeden Tag, dass ich meinem Ziel ein Stückchen näher komme. Wir üben jetzt im Training noch einmal die wichtigsten Dinge, sie müssen in Fleisch und Blut übergehen. Da ist kein Platz mehr für Nervosität. Klar, am Starttag auf der Startrampe wird der Puls schon ein bisschen in die Höhe steigen. Aber ich denke, bis dahin haben wir alles Wichtige so oft geübt, dass es fast schon ein Automatismus ist. Hoffentlich.

Wie sieht Ihr Programm in den letzten Monaten vor dem Start aus?

Maurer Wir üben viel, um unser Verhalten in Notfallsituationen noch einmal aufzufrischen. Was müssen wir tun, wenn ein Feuer auf der ISS ausbricht? Was passiert bei Druckverlust oder giftiger Atmosphäre? Außerdem trainieren wir immer wieder den Start und die Landung mit unserer Dragon-Kapsel. Bislang haben wir uns dabei auf einzelne Elemente fokussiert. Aber jetzt machen wir die langen, integrierten Simulationen. Dabei sitzen wir viele Stunden im Raumschiff, am Dienstag waren es mehr als zwölf Stunden. An diesen Trainingseinheiten nehmen auch die NASA- und SpaceX-Teams teil, die unseren Start vom Boden aus begleiten werden. Wir sind über Funk mit ihnen verbunden. Dann spielen wir verschiedene Szenarien durch, bei denen Probleme auftreten könnten.

Welche Termine in der Öffentlichkeit stehen für Sie noch an?

Maurer Das hängt ganz stark davon ab, wie sich die Corona-Situation entwickelt. Hier in den USA sind die Zahlen gerade wieder ordentlich am Steigen. Auch in den drei Staaten, in denen ich mich aufhalten werde, ist die Entwicklung nicht sehr günstig. Das bedeutet, dass wir uns vom öffentlichen Leben möglichst fernhalten müssen, um uns nicht auf der Zielgeraden zu infizieren und vielleicht den Flug zu gefährden. Ansonsten hoffe ich aber, dass ich im September noch einmal nach Deutschland reisen kann. Dort würden für mich noch einige Termine anstehen. Zum einen eine Pressekonferenz in Köln zu meiner Mission. Zum anderen würde ich gerne noch nach Berlin fahren, um mich dort offiziell bei den Politikern zu verabschieden und ein bisschen für die Raumfahrt zu werben. Meine Mission ist zwar finanziert, aber wir möchten langfristig Raumfahrt betreiben. Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) hat sehr interessante Vorschläge für die Zukunft. Wir hoffen, dass meine Mission das öffentliche Interesse noch einmal stärkt, damit wir in Europa langfristig ein bisschen mehr in die Raumfahrt investieren.

Wenn Sie auf Ihre Astronauten-Ausbildung zurückblicken, was waren die Highlights?

Maurer Mein Highlight waren absolut die Trainings für Außenbordeinsätze. Außerdem hat mir das Geologie-Training in Lanzarote und Norwegen besonders gut gefallen. Ich fand es sehr spannend, was ich dabei alles erleben durfte. Das Überlebenstraining in Schweden ist mir auch ganz stark in Erinnerung geblieben, weil es mich an meine körperlichen Grenzen gebracht hat. Außerdem hat es Spaß gemacht, dass ich mich in verschiedenen Ländern auf die Zeit im Weltraum vorbereiten konnte – etwa in Japan, Russland, Deutschland und den USA. Das waren die Höhepunkte. Aber dazwischen gab es auch viele kleinere Highlights. So viel Platz haben wir gar nicht, um alles aufzuzählen.

Sie haben gerade das Training für Außenbordeinsätze erwähnt. Derzeit sind Sie weltweit der einzige Astronaut, der für den russischen und den amerikanischen Raumanzug zertifiziert ist. In welchem der beiden Anzüge würden Sie lieber durch den Weltraum schweben?

Maurer Ehrlich gesagt, würde ich am liebsten mindestens einmal im russischen und einmal im amerikanischen Anzug aussteigen. Ich weiß, dass beide sehr gut für die Arbeit im Weltraum geeignet sind. Aber die Anzüge haben unterschiedliche Vorzüge und Einschränkungen. Ich würde das, was ich auf der Erde gelernt habe, gerne im Weltraum einsetzen und gucken, wo beide Anzüge ihre Stärken haben. Dieses Wissen könnte ich dann weitergeben. Die Anzüge sind vom Entwicklungsstand her Knowhow aus den 80er/90er-Jahren. Bei den Russen wird die Technik immer wieder gewartet und verbessert. Aber trotzdem ist das Grundprinzip von der Ingenieurslösung her schon ein bisschen älter. Wenn wir den Mond erkunden wollen, müssen wir an den Anzügen einiges grundlegend verändern. Dafür ist die Erfahrung im freien Weltraum unbezahlbar.

Im Juli dockte der europäische Roboterarm an der ISS an. Mehrere Außenbordeinsätze sind nötig, um ihn in Gang zu setzen. Welche Rolle spielen Sie dabei?

Maurer Der europäische Roboterarm hat es nach all den Jahren nun endlich in den Weltraum geschafft. Um ihn in Betrieb zu nehmen, gibt es verschiedene Arbeitsschritte und da werde ich involviert sein. Mein Esa-Kollege Thomas Pesquet wird diesen Arm jetzt erst einmal auf die grobe Funktionalität hin prüfen. Er muss ihn elektrisch aktivieren, ohne ihn zu bewegen. Wenn ich auf der ISS ankomme, werde ich meine russischen Kollegen bei den weiteren Arbeitsschritten unterstützen. Während sie einen Weltraumspaziergang durchführen, werde ich den robotischen Arm von innen bedienen. Der Roboterarm muss in die richtige Position gebracht werden, in der er später arbeiten soll. Das ist eine Choreografie, bei der ich mit den beiden Kosmonauten draußen zusammenarbeite. Wir setzen den Arm nach und nach in Betrieb.

Bekommen Sie selbst auch die Gelegenheit zu einem Weltraumspaziergang?

Maurer Ja, es gibt noch einen Außenbordeinsatz, bei dem ich mit einem russischen Kollegen aussteigen werde. Während ein weiterer Kosmonaut den Roboterarm von innen steuert, nehmen wir draußen die finalen Installationsschritte vor. Wir werden unter anderem zwei Halteringe abschrauben, die nur für den Start wichtig waren. Wenn wir sie entfernt haben, erreicht der Arm endlich seine volle Beweglichkeit. Zudem werden wir zwei Videokamera-Systeme installieren. Dadurch kann man in Zukunft den Arm im Inneren bedienen und hat den vollen Überblick, wo er sich befindet.

Was wird Sie – abgesehen vom Außenbordeinsatz – noch auf der Raumstation erwarten?

Maurer Der Weltraumspaziergang ist nur für einen Tag angesetzt, aber ich werde rund 180 Tage oben bleiben. In dieser Zeit werde ich an 100 bis 150 verschiedenen Experimenten teilnehmen. 35 davon kommen aus Europa, viele davon sogar aus Deutschland. Die anderen Experimente sind aus Japan, Kanada und viele aus den USA. Abgesehen von den Experimenten müssen wir einige Wartungsarbeiten vornehmen. Nach mehr als 20 Jahren geht auf der ISS immer mal wieder etwas kaputt. Außerdem gilt es, auch endlich die neue Toilette im amerikanischen Segment in Betrieb zu nehmen.

In der Zeit, in der Sie auf der Raumstation sind, werden auch mehrere Touristen vorbeischauen. Was halten Sie davon, dass Personen auf der ISS Urlaub machen, die im Gegensatz zu den Berufsastronauten kaum ausgebildet sind?

Maurer Wir sind am Übergang zu einer Phase, in der auch Menschen zur ISS fliegen können, die keine Berufsastronauten sind. Das wird in den nächsten paar Jahren ein Bild der Normalität werden. Während ich oben bin, kommen zwei Raumschiffe mit Touristen an. Zwei Japaner fliegen mit einer russischen Sojus-Kapsel. Ein sehr guter Kosmonauten-Freund wird sie begleiten. Zudem trifft im Januar/Februar 2022 noch eine Kapsel von SpaceX mit drei Touristen ein. Einige von ihnen werden intensiv auf den Flug und die Steuerung des Raumschiffs vorbereitet. Bei der amerikanischen Kapsel wird ein Tourist beispielsweise die Rolle des Co-Piloten übernehmen. Dafür erhält er ein intensiveres Training als ich. Denn ich bin in der SpaceX-Kapsel nur Passagier. Für die ISS hingegen sind die Touristen nur schnell ausgebildet. Sie wissen, was sie dort tun dürfen und was nicht. Sie sind in den allerwichtigsten Tätigkeiten geschult – etwa im Umgang mit der Toilette, dem Wasserspender, der Essenszubereitung. Und sie haben gelernt, wie sie sich im Notfall verhalten müssen. Hier ist die Antwort ganz einfach: Sie müssen schnell in ihre Kapsel und dürfen uns nicht im Weg herumstehen, während wir Profi-Astronauten die Situation auf der ISS wieder stabilisieren. Die Touristen werden individuell auch für einzelne einfache Experimente ausgebildet. Das finde ich von Vorteil.

Sie sehen also kein Problem im Weltraumtourismus?

Maurer Es ist eine zweischneidige Sache, dass Touristen hochfliegen. Wir Astronauten brechen in den Weltraum auf, um Wissenschaft zu betreiben. Wir werden von Steuergeldern finanziert und möchten 100 Prozent Leistung bringen, die zum Wohle der Gesellschaft ist. Touristen hingegen nutzen die staatlich finanzierte Infrastruktur für reine Privatzwecke. Das ist vielleicht erst einmal nicht so der beste Grund. Aber man muss auch sagen: Dank der Touristenflüge werden die Kosten für die Raumfahrtsysteme auf mehr Schultern verteilt. Die Entwicklungs- und Wartungskosten werden von den Touristen zum Teil mitbezahlt und machen dadurch das Thema Raumfahrt für die öffentliche Hand günstiger. Je mehr Personen in den Weltraum aufbrechen, desto mehr Erfahrung sammeln wir auch, wie sich Menschen in Schwerelosigkeit verhalten und welche Probleme auftreten. Das dient langfristig gesehen dazu, den Erfahrungsschatz für unsere Arbeit und unser Leben im Weltall zu verbessern. Von daher gibt es auch sehr positive Seiten.

Seit April lebt Ihr Esa-Kollege Thomas Pesquet auf der Raumstation. Stehen Sie mit ihm in Kontakt?

Maurer Mein Kollege Thomas ist jetzt schon seit ein paar Monaten auf der ISS. Er hat schon einiges erlebt, hat drei Außenbordeinsätze durchgeführt. Er war dabei, als das neue russische Modul angedockt ist. Das waren ein paar aufregende Tage für ihn. Ich schicke ihm regelmäßig E-Mails und frage ihn, wenn ich Tipps brauche. Außerdem beobachte ich, wie er die sozialen Medien bedient. Er ist darin ein absoluter Profi und ich denke, da kann ich mir mehr als eine Scheibe von ihm abschneiden. Ich freue mich total darauf, ihn oben zu treffen. Thomas ist ein ganz netter und lieber Kerl, der mir sehr viel hilft.

Was möchten Sie als Erstes tun, wenn Sie auf der ISS ankommen?

Maurer Man muss immer berücksichtigen, dass das Gleichgewichtsorgan in der Schwerelosigkeit in den ersten drei Tagen Probleme hat. Nicht wenige Astronauten fühlen sich in dieser Zeit wirklich schlecht. Als wären sie seekrank. Ich hoffe, dass ich halbwegs fit oben ankomme. Dann möchte ich in die ISS hineinschweben, runter an meinen zukünftigen Lieblingsplatz, die Cupola (Aussichtsmodul, Anm. d. Red.). Dort kann ich in 90 Minuten eine Weltreise unternehmen. In 90 Minuten einmal unseren Planeten komplett zu umrunden – das ist der Moment, auf den ich mich schon seit Jahren am allermeisten freue.