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Live-Schalte vom Saarland zur ISS: Herzkranke Kinder sprechen mit Maurer

Erste Live-Schalte vom Saarland zur ISS : Bundespräsident und herzkranke Kinder sprechen mit Astronaut Matthias Maurer

Exakt 25 Minuten lang stand die Verbindung zwischen dem Weltraum-Atelier in Mosberg-Richweiler und der Internationalen Raumstation.

 In zirka 400 Kilometern Höhe gleitet die Internationale Raumstation (ISS) über den Pazifischen Ozean. Würde Matthias Maurer nun aus dem Fenster schauen, könnte er das tiefblaue Wasser erblicken und vielleicht auch ein paar weiße Wattewölkchen, die gerade darüber hinwegziehen. Doch an diesem Samstag ist der Astronaut anderweitig beschäftigt. In einer leichten Schräglage schwebt er vor einer Kamera im Columbus-Modul. Das Mikrofon lässt er lässig neben sich herfliegen. Um diese Showeinlage dürfte ihn wohl so manch ein Popstar auf der Erde beneiden.

Das Missionskontrollzentrum in Houston (USA) hat die Verbindung zwischen der ISS und dem Weltraum-Atelier in Mosberg-Richweiler hergestellt. Die erste saarländische Live-Schalte ins All beginnt pünktlich um 12 Uhr und ist ganz den sogenannten Herzkindern gewidmet – Jungen und Mädchen, die mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt gekommen sind. Denn Maurer ist nicht nur Astronaut, sondern auch Botschafter der Stiftung Kinderherz. Seine jungen Fans und deren Eltern haben sich in der umgebauten Scheune versammelt. Sie sitzen auf Stühlen neben einer schmucken Apollo-13-Raumkapsel und starren auf eine Leinwand, auf der das Live-Bild des Himmelsstürmers zu sehen ist. Ihre Nervosität können die Kinder nur schwer verbergen. Gleich werden sie mit einem echten Raumfahrer sprechen und ihm alle möglichen Fragen stellen dürfen.

 Wenige Sekunden vor Beginn der Live-Schalte steigt die Spannung um Weltraum-Atelier in Mosberg-Richweiler.
Wenige Sekunden vor Beginn der Live-Schalte steigt die Spannung um Weltraum-Atelier in Mosberg-Richweiler. Foto: B&K/Bonenberger / B&K

„Matthias kann uns nicht sehen, er hört uns nur. Deswegen ist es umso wichtiger, dass ihr ganz deutlich sprecht“, gibt Moderatorin Carmen Diener von der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) letzte Anweisungen. Sie ist aus Köln per Video-Anruf zugeschaltet und hat auch noch ein paar spannende Infos parat. Beispielsweise, dass die Raumstation mit rund 28 000 Stundenkilometern über uns hinwegrast, ihre Bewohner diese Geschwindigkeit allerdings nicht spüren.

Ein Rauschen ertönt aus den Lautsprechern. „Station, this is Houston. Are you ready for the event?“, fragt ein Mann in englischer Sprache, ob Maurer denn bereit sei. Der gibt sein Okay: „Houston, this is Station. I am ready.“ Die Veranstaltung beginnt. Mit dabei sind nicht nur die Kinder im Weltraum-Atelier, sondern – virtuell – noch jede Menge andere raumfahrtbegeisterte Menschen. So haben sich etwa weitere Herzkinder aus München, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus Berlin, Anke Kaysser-Pyzalla vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) aus Oberpfaffenhofen, Sylvia Paul von der Stiftung Kinderherz aus München und ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher aus Paris zugeschaltet.

Letzterer ergreift das Wort zuerst. „Hallo Matthias, schön zu sehen, dass Du Dich gut auf der Station eingelebt und Du viel Spaß an der Arbeit hast. Als wir vor drei Wochen miteinander gesprochen haben, hast Du gesagt, dass Du Dich wie ein junger Vogel fühlst, der fliegen lernt und sich an die Schwerelosigkeit gewöhnt. Ich bin sicher, dass Du inzwischen ein ausgewachsener Vogel bist und sehr elegant durch die Station schwebst“, sagt Aschbacher. Die Forschung, die Maurer in der ISS betreibe, sei für uns alle sehr wichtig. Nicht nur, um unsere Erde zu schützen, sondern auch, um mehr über den menschlichen Körper zu erfahren und die Behandlung von Krankheiten zu optimieren, zum Beispiel für Kinder mit einem angeborenen Herzfehler.

„Herr Maurer, mich freut es, dass Sie nicht nur an dem Thema interessiert, sondern auch Botschafter der Stiftung Kinderherz sind“, schließt sich der Bundespräsident den Worten seines Vorredners an. Für ihn ist die Raumfahrt aber nicht nur wegen der Wissenschaft von großer Bedeutung, sondern auch wegen der internationalen Zusammenarbeit. Fünf Nationen betreiben die ISS gemeinsam. In diesen konfliktgeladenen Zeiten sei das ein Beispiel dafür, dass Kooperation zwischen den Völkern noch funktionieren könne. „Nun ist es aber an der Zeit, dass die Kinder ihre Fragen stellen“, sagt Steinmeier und fügt hinzu: „Eines würde mich allerdings auch interessieren: Wie war das Gefühl, dort oben anzukommen und auf die Erde zu schauen?“

Ein Lächeln breitet sich auf dem Gesicht des Astronauten aus, der sich mit den Füßen eingehakt hat, um nicht aus dem Bild zu schweben. „Zunächst einmal freue ich mich, dass Sie sich alle die Zeit nehmen, um mit mir zu sprechen. Bei mir steht heute nämlich auf dem Programm, die Station zu putzen. Deswegen bin ich froh über diese kleine Abwechslung“, scherzt Maurer. Er sei jetzt seit einem Monat auf der Raumstation und fühle sich in der Tat nicht mehr wie ein junger Vogel. „Das Schweben klappt sehr gut“, erzählt der 51-Jährige. Wenn er an seinen ersten Blick auf die Erde zurückdenke, bekomme er immer noch Gänsehaut am ganzen Körper. „Ich kann das Bild nur schwer beschreiben. Es ist so emotional, dass mir die Worte dafür fehlen“, schwärmt Maurer.

Es folgt ein Moment der Stille. Der Astronaut gleitet langsam zur Wand, an der das Maskottchen der Stiftung-Kinderherz befestigt ist. Elegant wirft er die kleine Figur nach oben, fängt sie wieder auf und platziert sie etwa in Kopfhöhe neben sich. Fasziniert schauen ihm die Herzkinder bei dem Kunststück in der Schwerelosigkeit zu. Dann endlich ist ihr großer Moment gekommen. Die 13-jährige Lilli aus Homburg meldet sich, um die erste Frage aus dem Weltraum-Atelier ins All zu schicken. „Kann Deine Forschung uns Herzkindern helfen, etwa, dass sich das Risiko durch Bakterien verringert oder dass die Implantate weniger oft getauscht werden müssen?“

Die Forschung im Weltraum ziele wesentlich darauf ab, die Funktionsweise des Herzens und das Herz-Kreislaufsystem besser zu verstehen. „Wir haben hier gerade Experimente laufen, bei denen Herzzellen gezüchtet werden“, erläutert Maurer. Diese Versuche dienen als Grundlage, um Lösungen für Herzprobleme  zu entwickeln. Vielversprechend seien zudem Tests von neuartigen antimikrobiellen Oberflächen. Diese seien mittels Laserverfahren so verändert worden, dass sich keine Bakterien und andere krankheitserregende Keime darauf ansiedeln. „Das ist in Zeiten von Corona besonders wichtig. Aber auch bei Operationen können diese intelligenten Materialien dazu beitragen, den Menschen noch besser zu helfen“, erläutert Maurer.

Kaum hat er seine Antwort zu Ende formuliert, meldet sich auch schon der achtjährige Finn. Er interessiert sich weniger für die Wissenschaft, sondern vielmehr für das alltägliche Leben fernab unseres Planeten. „Riecht und schmeckt im Weltall alles so wie auf der Erde?“, will er wissen. Maurers Antwort ist eindeutig: Nein. „Wenn Du zu Hause eine heiße Suppe hast, steigt der Dampf nach oben und Du kannst die Suppe riechen. Im Weltraum zieht die Luft wegen der Schwerelosigkeit nicht nach oben und wir können die Gerüche nicht so intensiv wahrnehmen“, erklärt der Astronaut. Das Essen schmecke daher ebenfalls weniger intensiv und er müsse ordentlich nachwürzen.

 Die 13-jährige Lilli aus Homburg greift zum Mikrofon und stellt ihre Frage an den saarländischen Astronauten Matthias Maurer.
Die 13-jährige Lilli aus Homburg greift zum Mikrofon und stellt ihre Frage an den saarländischen Astronauten Matthias Maurer. Foto: B&K/Bonenberger / B&K
 Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Mitte) hat an der Live-Schalte teilgenommen. Die Kinder im Weltraum-Atelier sind unten links zu sehen. Astronaut Matthias Maurer schwebt oben im Bild.
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Mitte) hat an der Live-Schalte teilgenommen. Die Kinder im Weltraum-Atelier sind unten links zu sehen. Astronaut Matthias Maurer schwebt oben im Bild. Foto: Screenshot: ESA-TV
 Matthias Maurer fliegt während der Live-Schalte im Columbus-Modul. In der Hand hält er das Maskottchen der Stiftung Kinderherz.
Matthias Maurer fliegt während der Live-Schalte im Columbus-Modul. In der Hand hält er das Maskottchen der Stiftung Kinderherz. Foto: Screenshot: ESA-TV

„Wir haben nur noch ein paar Sekunden“, unterbricht Moderatorin Diener die Gesprächsrunde. Dann wendet sie sich noch ein letztes Mal an den Astronauten: „Matthias, wenn es Dir nichts ausmacht, schicke ich Dir die restlichen Fragen der Kinder zu, damit Du sie noch beantworten kannst.“ „Kein Problem, das mache ich sehr gerne“, entgegnet Maurer und winkt zum Abschied in die Kamera. Das Bild des Himmelsstürmers verschwindet von der Leinwand. Nach exakt 25 Minuten ist die Live-Schalte vorbei. Applaus schallt durch die Scheune des Weltraum-Ateliers. Erleichtert, ihren großen Auftritt gemeistert zu haben, treten die Herzkinder nun nach und nach den Heimweg an. Währenddessen rast die Raumstation über den Atlantik hinweg. Schon bald wird sie das europäische Festland erreichen.