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Konzert am Bostalsee: Popstar Joris macht aus Trauer tröstende Songs

Wieder da mit neuem Album und Konzert am Bostalsee : Wie Popstar Joris aus Verlust und Trauer tröstende Songs macht

Sänger Joris hat ein neues Album am Start. Im Interview spricht er über tiefgründige Texte, eine Zeit für Duette und die Besonderheit, vor Zuhörern in Strandkörben aufzutreten.

Im Frühjahr konnten die Zuschauer bei der TV-Show „Sing meinen Song“ miterleben, wie du mit Künstlerkollegen deine Lieder getauscht hast. Wie war diese Zeit für dich?

Joris Die Zeit war auf jeden Fall sehr intensiv. Ich bin aus einem Jahr Lockdown gekommen wie die anderen auch. Ich glaube, das hat auch diese Staffel ausgemacht. Wir konnten leider nicht nach Südafrika, sondern waren an der Ostsee. Es wurde viel Mühe und Energie reingesteckt, dass es sehr schön wurde. Ich habe diese Zeit als eine kleine Erlösung von diesem ganzen komischen Abwarten und in Quarantäne sein erleben dürfen. Es war ein Privileg, dass wir da zusammen Musik machen durften. Das hat man von Tag eins an gemerkt.

Im Nachgang gab es schon eine musikalische Zusammenarbeit mit Gentleman: Wie lief das ab?

Joris Wir haben während der Sendung schon angefangen, an einem Song zu schreiben. Immer nachts an dem Klavier, das da stand. Aber im Nachhinein haben wir alles verworfen und einen neuen Song geschrieben. Wir trafen uns in Berlin. Zwei Tage waren wir zusammen im Studio und haben das Video gedreht. Gentleman ist wirklich ein guter Freund, ich habe ihn sehr gerne um mich. Ich kenne ihn auch schon länger. Er ist ein Mensch, der jeden Tag gute Vibes versprüht und das auch sehr schön in der Musik transportiert.

Kannst du dir weitere Projekte mit anderen Künstlern vorstellen?

Joris Ich glaube, es ist gerade eine Zeit der Duette. Denn es ist aktuell schwer, durch Clubs zu touren und sein Album zu präsentieren. Deshalb hat man Zeit, auch mal andere Facetten zu zeigen, die man vielleicht jetzt im Lockdown auch wieder an sich selbst gefunden hat. Mir macht Reggae schon immer total viel Spaß, daher hatte ich da eh Riesenbock drauf. Ich kann dir auch sagen, dass ich von alten Schulfreunden gerade viele Nachrichten bekomme – so nach dem Motto: ,Du hast ne Nummer mit Gentleman gemacht… Den haben wir damals auf dem Schulhof schon zusammen gehört.’ Das ist für mein Ego eine gute Sache (lacht). Nein, Spaß beiseite, es ist gerade so eine Zeit, in der man mit anderen zusammen Musik machen kann, ohne dass es überanalysiert wird. Gerade haben wir einfach alle Lust, wieder mehr Mucke zu machen und das genießen wir.

Du hast mit „Willkommen Goodbye“ vor kurzem ein neues Album veröffentlicht. Konntest du die Corona-Zeit gut für die Arbeit daran nutzen? War das vielleicht sogar ein positiver Effekt, sich im Lockdown auf eine Sache fokussieren zu können?

Joris Ich tue mich wahnsinnig schwer mit dem Gedanken, etwas Positives aus dieser Zeit mitzunehmen. Denn ich finde, dass man aufpassen muss, dass das nicht zu salopp rüberkommt. Viele Menschen haben Existenzen und Leute verloren, die sie lieben. Ich auch. Daher ist meiner Meinung nach dieser Zeit in keinster Weise irgendetwas Gutes abzugewinnen. Es ist in erster Linie eine große Katastrophe. Was mein Schreiben betrifft: Das Album sollte eigentlich „Nur die Musik heißen“ und war wirklich ein sehr fröhliches Album, was man in der ersten Hälfte auch hört. Sehr lebensbejahend. Und dann kam eben dieser Lockdown. Da wäre es fast schon zu salopp gewesen, einfach das Album so rauszubringen wie es war. Also habe ich weitergeschrieben. „Willkommen Goodbye“ ist jetzt ein Album geworden, das allumfänglicher ist.

Es ist ein runderes Bild, wahrscheinlich auch, was dein eigenes Innenleben betrifft.

Joris Ja. Das Leben ist nunmal nicht linear und führt nicht immer nur in eine Richtung. Da kommt auf einmal so eine Pandemie daher und alles ist anders. Das gibt es auch im Kleinen: Wenn man aus einer Beziehung kommt oder wenn man auf andere Weise neue Wege geht. Das ist etwas, was „Willkommen Goodbye“ ausmacht – dieser allumspannende Bogen, wenn man so möchte, ohne dass es dadurch pathetisch wird.

Du wirst ja ganz gerne mal in Bezug auf deine Liedtexte als Philosoph tituliert – zuletzt auch bei „Sing meinen Song“. Siehst du dich selbst auch so? Oder ist dir das Wort zu hoch gegriffen?

Joris Das ist definitiv zu hoch für mich, das Wort. Natürlich interessiert mich Philosophie, natürlich habe ich Gedankengänge, die sicherlich viele Menschen haben. In ruhigen Momenten versuche ich auch mal, dem ganzen Zweifel in mir und auch der ganzen Freude auf den Grund zu gehen. Aber ich habe eher das Gefühl, das ist so ein Fernsehformat, in dem jedem eine Rolle zugeschrieben wird.

Aber tiefgründig sind deine Liedertexte ja schon …

Joris Ja, natürlich. Und ich denke auch, dass das mit dem Philosophen daher rührt. Die Popmusik ist ja nicht eindimensional. Es gibt den Radiopop, den viele Leute für sich als Deutschpop abgespeichert haben. Aber es gibt beispielsweise auch die Gruppe Bilderbuch aus Österreich, die avantgardistischen Pop macht. Ich finde, textliche Tiefe muss mit Pop nicht unbedingt in Konkurrenz stehen.

Wie läuft das ab, wenn du einen Song schreibst?

Joris Ich setze mich nicht hin, um bewusst einen schönen Text zu schreiben. „Steine“ ist zum Beispiel ein Song auf dem Album, der entstand aus einer Situation heraus und kam ungeplant als allerletztes um die Ecke.

Den Song finde ich übrigens sehr schön...

Joris Ich auch. Er ist ein Beispiel dafür, dass es Songs gibt, die kommen einfach so wie sie kommen. Da ist die Sprache gar nicht verschnörkelt oder tiefgründig, sondern eigentlich total direkt: „Du musst keine Angst haben, wenn es Hoffnung gibt“. Direkter kann man es nicht sagen und trotzdem ist das genau die Stärke darin. Normalerweise hätte ich gesagt: Okay, das muss ich nochmal umschreiben, weil es viel zu einfach ist. Aber in Kombination mit der Musik ist das nochmal anders. Bob Dylan hat das ganz schön gesagt, als er den Literatur-Nobelpreis bekommen hat: Texte in der Musik drücken immer erst in Kombination mit der Musik das aus, was wirklich gemeint ist. Worte können dann ganz anders wirken. Ich bin froh, dass ich mir drei Jahre Zeit lassen kann für ein Album und nicht jeden Tag quasi einen Song schreiben muss. Ich habe das große Privileg, dass ich manchmal auch etwas warten kann, bis es wieder etwas gibt, worüber ich wirklich schreiben möchte. Und das dann auch so kommt, wie es kommen möchte.

Manchmal kommen die Songs also einfach zu dir?

Joris Leider viel zu selten (lacht). Ich würde behaupten, pro Album kommen so ein bis zwei Songs zu mir. „Steine“ ist aus einer wahnsinnig traurigen Situation heraus entstanden: Es ist jemand in dieser schwierigen Zeit gegangen. Und da saß ich wieder vor dieser Trauer und habe gemerkt: Man muss alleine durch. Aber man hat Leute, die für einen da sein können. Gerade habe ich zwei Konzerte gegeben, und am letzten Abend spielte ich den Song, und da hat es mich wieder völlig aus den Socken gehauen. In solchen Momenten merke ich dann immer wieder, dass es das ist, was ich will. Ich liebe es, Musik zu machen – über emotionale Dinge genauso wie darüber einfach das Leben zu feiern. Das ist etwas, was – zumindest für mich – auch nur die Musik kann.

Im September kommst du zum Strandkorb-Konzert an den Bostalsee. Ein Format, das du schon kennst. Wie gefällt es dir?

Joris Ich finde das phänomenal. Letztes Jahr hatte ich einige Open-Air-Konzerte gegeben, auch ein paar Autokino-Konzerte und ein Strandkorb-Open-Air. Letzteres war ganz anders, wieder größer. Es hatte wieder was von großer Bühne. Es ist ausgecheckt, was das Sicherheitskonzept angeht. Mir hat es extrem gut gefallen. Das sag ich jetzt nicht nur so. Das ist eine tolle Art und Weise, in dieser schweren Zeit, Musik gemeinsam zu erleben.

Zum neuen Album ist auch eine Tour geplant. Wann geht es los?

Joris Die kommt im März/April. Ich bin ehrlich: Ich freu mich da extrem drauf. Ich denke, Dank des Impfprozesses werden wir es hinbekommen, bis zum Jahresende auch wieder Konzerte in Clubs stattfinden zu lassen. Das ist nochmal eine Atmosphäre, die dann zwei Jahre lang keiner mehr erlebt hat. Ich glaube, das wird uns alle komplett aus den Socken hauen.