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Letzter Saarland-Besuch von Astronaut Matthias Maurer vorm Start der ISS-Mission

Astronaut verabschiedet sich aus dem Saarland : Matthias Maurer auf Heimatbesuch vor dem Start: „Mein erster Blick geht direkt runter aufs Saarland“

Von der Raumstation bietet sich den Astronauten ein spektakulärer Blick auf die Erde. Einen Vorgeschmack erhielt Matthias Maurer bei seinem Besuch im Weltraum-Atelier in Mosberg-Richweiler. Es war die letzte Stippvisite in der Heimat vor Missionsbeginn.

Licht aus. Film ab. Die Reise beginnt. Auf Knopfdruck verlässt Maurice die Erde und findet sich auf der Internationalen Raumstation (ISS) wieder. Er schwebt am Lieblingsplatz aller Astronauten: der Cupola. Von dort bietet sich ihm ein spektakulärer Blick auf die Erde. Gebannt starrt der 21-Jährige aus den Fenstern über seinem Kopf. Aus dieser Perspektive hat er unseren Planeten noch nie gesehen. Unerlässlich dreht sich die blaue Kugel im ewigen Schwarz. Grenzen, Mauern, Schranken – die kosmische Höhe lässt sie verschwinden. Von hier oben aus betrachtet, scheint alles eins zu sein. „Das ist so cool. Auf der ISS zu arbeiten, könnte ich mir auch gut vorstellen“, schwärmt Maurice. Doch ehe er sich versieht, ist sein Ausflug in den Weltraum schon wieder beendet. Das Licht geht an und verschluckt die faszinierenden Bilder, die eben noch in der Kuppel des Planetariums zu sehen waren.

Von der Helligkeit geblendet, kneift Maurice die Augen zusammen. Aber Moment mal. Träumt er etwa immer noch? Während der junge Mann in die galaktische Show vertieft war, hat ein Gast neben ihm Platz genommen, der die Erde tatsächlich bald verlassen wird. Ungläubig blickt er in die Augen seines Idols Matthias Maurer. Der Himmelsstürmer aus der Gemeinde Oberthal schaut bei seinem letzten Heimataufenthalt vor dem Start zur ISS für einen Überraschungsbesuch im Weltraum-Atelier der Familie Voltmer in Mosberg-Richweiler vorbei. Dort nehmen am Montagabend neben Maurice noch sechs weitere junge Erwachsene des Vereins „Miteinander Leben Lernen“ an einem Raumfahrt-Workshop teil. Sie alle haben ein Handicap, sind geistig oder körperlich eingeschränkt. Doch das hält sie nicht davon ab, ihre Träume zu verfolgen. Kein Wunder also, dass Maurice gleich von seinem Vorbild wissen möchte, wie man Astronaut wird und was es auf der Raumstation alles zu tun gibt?

Ohne Umschweife beginnt Maurer zu erzählen. Vom Auswahlverfahren im Jahr 2008/2009, bei dem er sich gegen rund 8500 Bewerber durchsetzte. Von seiner Aufnahme in das Astronautenkorps der europäischen Raumfahrtagentur (Esa). Von der Grundausbildung, die er am 25. September 2018 abschloss. Von Trainingseinheiten im Parabelflugzeug und im Tauchbecken, die ihn auf das Leben in der Schwerelosigkeit vorbereiteten. Und von seiner „Cosmic Kiss“-Mission, die voraussichtlich am 31. Oktober starten wird. „Ich kann es gar nicht fassen, dass ich schon in knapp zwei Monaten zur Raumstation fliege. Es fühlt sich noch nicht real an. Ich bin gespannt, wann es in meinem Kopf Klick machen wird und ich verstehe, dass es jetzt endlich soweit ist“, sagt der 51-Jährige.

Von seinen Eltern und engsten Freunden habe er sich bereits verabschiedet. Ein „bisschen Wehmut“ sei dabei gewesen. Doch in erster Linie freut sich der Esa-Astronaut auf die spannende Zeit, die vor ihm liegt. Ein halbes Jahr lang soll er im größten Außenposten der Menschheit im All leben und forschen. Wissenschaft am Limit in zirka 400 Kilometern Höhe. Eine Rakete der amerikanischen Firma SpaceX wird ihn vom Kennedy Space Center in Florida (USA) in den erdnahen Orbit befördern. „Das Tolle ist, dass ich etwa 24 Minuten nach dem Start über meine Heimat fliege. Wenn ich losgeschnallt bin, geht mein erster Blick direkt runter aufs Saarland“, verrät der Wissenschaftler.

Von dort aus wird auch Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) mitfiebern. Aus zeitlichen Gründen könne er das Spektakel nicht live in den USA verfolgen. Doch er werde Maurer aus der Ferne die Daumen drücken. „Ich wünsche ihm, dass sein Forschungsauftrag erfolgreich sein wird und er die Zeit dort oben nutzen kann, um noch mal einen anderen Blick auf die Erde zu kriegen“, sagt Hans. Er erhofft sich von der Weltraummission einen „erheblichen Boost“ für unser kleines Bundesland. Der Politiker vergleicht das Ereignis gar mit der ersten Mondlandung. Sie habe in den USA einen riesigen Innovationsschub mit sich gebracht. „Ich glaube, dass der erste Saarländer im All bei uns ganz viele Kinderherzen höher schlagen lässt. Er trägt dazu bei, dass sich junge Menschen für Forschung begeistern“, ist Hans überzeugt. Diese Begeisterung möchte der Ministerpräsident nutzen, um Schüler und Studenten an die naturwissenschaftlichen Fächer heranzuführen und auf diesem Weg die weltraumrelevante Forschung im Saarland auszubauen. Er erklärt: „Das ist nicht so sehr eine Frage des Geldes. Es ist vor allem eine Frage des Entdeckergeistes, den Matthias Maurer mit seiner Mission entfacht.“

Der Astronaut spricht mit so viel Enthusiasmus über die Raumfahrt, dass die Jugendlichen ihm sprichwörtlich an den Lippen kleben. Den Startablauf beschreibt er, als sei es die normalste Sache der Welt, auf einem Feuerbiest in den Himmel zu reiten. „Die ersten neun Minuten sind die wildesten, dann hat die Rakete auf 28 000 Stundenkilometer beschleunigt“, erläutert Maurer. Ob er denn Angst hätte, will Maurice wissen. „Nein, dann wäre das der falsche Job für mich“, entgegnet der Raumfahrer gelassen.

Die Reise ins Universum sei für ihn keine Reise ins Ungewisse. Im Gegensatz zu den Rucksacktouren, die er während seiner Studentenzeit unternommen hat. „Als ich zu meinem ersten langen Trip nach Südamerika aufgebrochen bin, war das für mich eine Fahrt ins Unbekannte“, blickt der Astronaut zurück. Jetzt könne er jedoch genau abschätzen, was auf ihn zukommt. „Ich weiß, wo ich schlafe, was ich esse, was ich anziehe“, analysiert Maurer. Er habe daher nicht das Gefühl, dass ihm etwas Risikoreiches bevorstehe. „Heutzutage sind Astronauten eben keine knochenharten Jungs mehr“, gesteht er mit einem Lachen.

Was er damit meint, wird deutlich, als Gastgeber Sebastian Voltmer einen Film über die Mondlandungen abspielt. Darin zu sehen sind unter anderem die Raumfahrer Neil Armstrong und Charles Duke, deren Flüge zum Erdtrabanten mit großen Gefahren verbunden waren. Im Juli 2011 hatte der Gründer des Weltraum-Ateliers die Gelegenheit, die Pioniere zu interviewen. Armstrong erzählte ihm vom Spaziergang auf dem fremden Himmelskörper. Duke verglich den Geruch von Mondgestein mit dem von Schießpulver. Wie passend, dass in der umgebauten Bauernscheune zwei klitzekleine solcher Mitbringsel lagern. Diese dürfen sich die Jugendlichen nun in aller Ruhe ansehen. Ebenso die zahlreichen Planeten-Modelle aus dem 3-D-Drucker und den maßstabsgetreuen Nachbau der Apollo-13-Raumkapsel.

„Mir ist es wichtig, dass unsere Gäste das Thema Raumfahrt mit allen Sinnen erleben können“, sagt Voltmer. Seit 2015 bieten er und sein Team im Atelier ganz gezielt Seminare für Menschen mit Beeinträchtigungen an. Egal, wer zu Besuch kommt, die Fragen seien immer die gleichen. Wie ist das Universum entstanden? Wie kam das Leben auf die Erde? Ist der Weltraum unendlich? „Darüber philosophieren und diskutieren wir gemeinsam. Wir teilen unsere Ansichten miteinander. Dabei kann jeder mitmachen“, erläutert Voltmer das Konzept.

Von dem ist Astronaut Maurer schon seit einiger Zeit angetan. Es mache keinen Unterschied, ob jemand ein Handicap habe oder nicht. „Raumfahrt ist eine Herzensangelegenheit. Das Thema begeistert alle Menschen“, ist der Himmelsstürmer überzeugt. Inklusion werde daher auch bei der Esa großgeschrieben. Aktuell sucht die Raumfahrtbehörde nach Nachwuchs-Astronauten mit körperlichen Beeinträchtigungen. „Das zeigt, dass sich der Weltraum öffnet“, betont Maurer. Er mutmaßt, dass die Menschheit eines Tages ganz selbstverständlich in ein Raumschiff steigen wird, um die Erde von oben zu betrachten. Ähnlich wie Maurice, der sich dem Universum an diesem Nachmittag ganz nahe fühlte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Astronaut Matthias Maurer besucht das Weltraum-Atelier