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Schulleiter aus St. Wendel über Schule in Zeiten der Pandemie

Schulleiter aus St. Wendel über Unterricht in Zeiten der Pandemie : „Lehrpläne zumindest theoretisch erfüllt“

Die Schüler sind zurück im Präsenzunterricht. Dabei werden die Folgen des Homeschoolings sichtbar. Diese sind nicht nur kognitiver, sondern auch sozial-emotionaler Natur, sagt der Schulleiter des Gymnasiums Wendalinum.

Herr Besch, vor drei Wochen ist das Gymnasium Wendalinum zum zweiten Mal unter Pandemiebedingungen in ein neues Schuljahr gestartet. Wie ist es gelaufen?

Alexander Besch Die Schule hat sehr ruhig, konstruktiv und gelassen begonnen. Am letzten Ferientag hatten wir uns zu einer Dienstbesprechung getroffen, sodass die Kollegen vorab über alle Reglungen informiert waren. Die Maßnahmen waren ja nicht wirklich neu – weder für die Lehrer noch für die Schüler. Von daher ist das Prozedere sehr geordnet abgelaufen. Ich bin hier jetzt im vierten Jahr Schulleiter und wenn ich ehrlich bin, war das mein bislang ruhigster Start in ein neues Schuljahr.

Inwiefern beeinflusst Corona derzeit noch den Schulalltag?

Besch Zum einen ist da die Maskenpflicht während des Unterrichts. Sie ist schon eine Belastung. Die Lehrer und Schüler tragen ihre Masken teilweise bis zu acht Stunden am Tag, sogar während des Sportunterrichts. Das wird auf jeden Fall auch noch bis einschließlich diesen Donnerstag so bleiben. Außerdem gilt nach wie vor die Testpflicht, zwei Mal wöchentlich. Die Abstriche nehmen ein paar Minuten in Anspruch, sind aber inzwischen zur Routine geworden. Eine wirkliche Herausforderung sind die Maßnahmen daher nicht mehr. Sie sind Gewohnheit. Wobei Gewohnheit ja nicht immer etwas Angenehmes sein muss.

Hatten Sie seit Schulbeginn schon Corona-Fälle am Wendalinum?

Besch Wir hatten den einen oder anderen Schüler, der aufgrund des Kontakts zu einer infizierten Person ins Homeschooling wechseln musste. Am Dienstag haben wir vom Gesundheitsamt dann den ersten infizierten Schüler gemeldet bekommen. Die betroffene Klasse wurde nicht in Quarantäne geschickt, weil derzeit noch die Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gilt und sich alle an diese Regel gehalten haben sowie regelmäßig gelüftet und getestet wird.

Schulschließungen möchte das Kultusministerium künftig vermeiden. Wie realistisch ist ein komplettes Schuljahr in Präsenz?

Besch Nach den neuen Vereinbarungen der Gesundheitsminister ist es so, dass es keine Quarantänen für ganze Klassen mehr geben soll, sondern nur noch für die unmittelbaren Sitznachbarn. Solange die Maskenpflicht gilt, halte ich das für unproblematisch. Was danach ist, müssen wir abwarten. Es würde mich freuen, wenn diese Maßnahme genügen würde, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Aber da fehlen uns noch die Erfahrungswerte. Wie realistisch das ist, wird sich zeigen.

An Ihrer Schule hat es bereits eine Impf-Aktion gegeben. Wie ist die abgelaufen und haben Sie im Vorfeld mit den Schülern darüber gesprochen?

Besch Die Impf-Aktion war kein Angebot der Schule, sondern des Landkreises St. Wendel. Als Schule waren wir vom Ministerium gehalten, das auch räumlich sehr deutlich zu kennzeichnen. Die Impf-Aktion fand am Freitag in unserer Aula statt. Formaljuristisch gesehen, war die Aula an jenem Tag kein Gebäude der Schule, sondern des Landkreises. Die Eltern und Schüler sind im Vorfeld über die Impfungen informiert worden. Allerdings ohne, dass die Schule dabei eine größere Rolle gespielt hat. Das Thema Impfen findet zwar im Biologieunterricht seinen Niederschlag, aber wir haben es vor der Impf-Aktion nicht extra aufgegriffen oder dafür geworben. Es durfte keinesfalls der Eindruck entstehen, dass für Schüler, die nicht an der Aktion teilnehmen, irgendein Nachteil entsteht. Der Schulbesuch ist unabhängig davon, ob ein Kind geimpft ist oder nicht.

Wie haben die Schüler die Impf-Aktion denn angenommen?

Besch Es gab 16 Impfungen über den Tag hinweg. Das mag bei 850 Schülern wenig klingen. Wenn man aber sieht, dass die Klassenstufen fünf und sechs altersmäßig für die Impfungen nicht infrage kommen und in der Oberstufe schon mehr als 83 Prozent der Schüler geimpft sind, dann ist die Impf-Aktion ganz okay angenommen worden.

Hat die Aktion Probleme mich sich gebracht? Haben die Schüler untereinander darüber diskutiert oder haben sich Eltern beschwert?

Besch Seitens der Schüler ist es mir nie zugetragen worden, dass es da irgendwelche Probleme gab oder kontrovers diskutiert wurde. Seitens der Eltern gab es bei uns auch keinen Aufschlag. Wir haben zwar das eine oder andere Gespräch mit ihnen geführt, aber beschwert hat sich niemand. Es hatten sich auch keine Impfgegner vor der Aula positioniert. Von daher ist das alles sehr geordnet abgelaufen.

In der Politik wird derzeit immer wieder über eine Impfpflicht für gewisse Berufsgruppen diskutiert – darunter auch Lehrer. Was halten Sie davon?

Besch Das ist bei uns am Standort kein Thema. Meine Kollegen sind zum allergrößten Teil geimpft. Es gibt zwar Ausnahmen. Aber diese Personen haben Gründe, berechtigte Gründe. Die gilt es zu akzeptieren. Mit der neuen Rechtslage ist es so, dass Bedienstete an Schulen ihren Impfstatus angeben müssen. Auch hierzu gab es bei uns keine Beschwerden. Die politische Diskussion, ob man Lehrer und Schüler zur Auskunft über ihren Impfstatus verpflichten darf, war für uns eine Scheindiskussion. Der Musterhygieneplan schreibt nämlich vor, dass sich alle in der Schule zwei Mal wöchentlich testen lassen müssen. Es sei denn, sie sind geimpft. Wenn man sich von der Testpflicht befreien will, muss man also ohnehin den Impfstatus anzeigen.

Im vergangenen Schuljahr waren die Kinder über Wochen hinweg zu Hause. Hat sie die lange Zeit des Homeschoolings verändert?

Besch Das ist eine schwierige Frage. Man hört ja ganz viel über die Langzeitfolgen des Homeschoolings, sowohl was körperliche als auch psychische Entwicklungen angeht. Es gibt in der Tat Schüler, bei denen das Homeschooling zu massiven Problemen geführt hat. Nicht nur kognitiver, sondern auch sozial-emotionaler Natur. Auch das Kennenlernen untereinander war für unsere Schüler im vergangenen Jahr nicht gerade einfach. Da müssen wir Unterstützung leisten, um diese Probleme zu beheben. Im Großen und Ganzen sind wir aber sehr zufrieden, wie das Lernen von zu Hause gelaufen ist.

Wie groß sind die Lernlücken, die durch die Schulschließungen entstanden sind?

Besch Ich glaube, die sind gar nicht so groß. Die Lehrpläne sind zumindest theoretisch erfüllt worden. Jetzt müssen wir individuell gucken, ob die Schüler durch das Homeschooling dieselben Lernerfolge erzielt haben wie sonst im Präsenzunterricht. Dazu machen wir bis zu den Herbstferien Lernstandserhebungen. Danach sehen wir, wo die Defizite sind und was nachgearbeitet werden muss.

Wie werden Sie und die anderen Lehrer den Stoff nacharbeiten?

Besch In den Herbstferien werden wir Crash-Kurse anbieten. Die richten sich eher an die Schüler der Oberstufe. Über unser Modellprojekt Freiwillige Ganztagsschule haben wir ohnehin jede Menge Förderstunden. Wir sprechen die Schüler noch gezielter darauf an, wenn wir denken, dass sie daran teilnehmen sollten. Zusätzlich möchten wir mit der Kreisvolkshochschule und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land Samstagskurse anbieten, an denen die Schüler freiwillig teilnehmen können.

Was raten Sie Eltern, die merken, dass ihre Kinder mit dem Stoff hinterherhängen?

Besch Am besten ist es, wenn sie direkt Kontakt mit dem Fachlehrer aufnehmen. Dann kann man gemeinsam darüber reden, wie sich dem Schüler helfen lässt, und ein Förderangebot erarbeiten.

Was halten Sie vom freiwilligen Sitzenbleiben?

Besch Dieses freiwillige Zurücktreten findet absolut meinen Zuspruch. Das ist eine individuelle Entscheidung, die unter Einbeziehung der Fachlehrer getroffen werden sollte. Kritischer hätte ich es gesehen, wenn man gesagt hätte: Das war ein verlorenes Schuljahr und alle müssen es wiederholen. Denn dafür haben alle, insbesondere die Schüler, im Homeschooling viel zu viel geleistet.

Kann der digitale Unterricht den Präsenzunterricht ersetzen?

Besch Ersetzen nein, ergänzen ja. Wir haben gemerkt, dass Lernen etwas ist, was in persönlicher Beziehung abläuft. Dieses Direkte und Menschliche innerhalb der Kommunikation ist durch keine Technik zu ersetzen. Allerdings bietet uns das Digitale Vereinfachungen und Weiterentwicklungen, die wir mitnehmen sollten, auch wenn die Pandemie sich ausschleicht. Wir haben viel dazu gelernt und es wäre schade, wenn man das alles ad acta legen würde.

Wie möchten Sie das digitale Lernen künftig in den Schulalltag integrieren?

Besch Irgendwann werden alle Schüler über die Schulbuchausleihe iPads bekommen. Wir sind gerade dabei, die technische Ausstattung noch ein bisschen auf Vordermann zu bringen. Wir haben mehrere digitale Tafeln bekommen. Schüler können dann ihre Geräte mit diesen Tafeln verbinden, um beispielsweise etwas zu präsentieren. Zudem benutzen die Jugendlichen ihre Smartphones auch, um ihre Stundenpläne abzurufen oder während des Unterrichts gemeinsam mit den Lehrern bestimmte Seiten zu besuchen. Bislang haben sie dafür ein Wlan-Passwort erhalten, das zeitlich begrenzt war. Gemeinsam mit dem Schulverwaltungsamt haben wir jetzt jedoch entschieden, das Wlan für die Oberstufenschüler komplett zu öffnen.