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"St. Wendel erweist sich als krisensicherer Wirtschaftsstandort"

Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Interview : „St. Wendel ist krisensicherer Wirtschaftsstandort“

Die Pandemie stellt auch die Unternehmen im Landkreis vor Herausforderungen. Wie sie diese meistern, welche Branchen die Krise besonders hart getroffen hat und wie sich die wirtschaftliche Struktur in Zukunft ändern könnte — darüber spricht Julian Schneider, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land, im SZ-Interview.

Herr Schneider, Sie sind seit Januar Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) St. Wendeler Land. Wie ist es Ihnen bisher in der neuen Position ergangen?

Julian Schneider Ich bin ungemein froh, mich für diese Position entschieden zu haben, und dass die Gesellschafter mir die Chance für diese herausragende Aufgabe gegeben haben. Der Beginn im Januar war von der Pandemie geprägt, was beispielsweise manche Kontaktanbahnungen erschwerte. Ich habe diese Zeit als Herausforderung angenommen und mit meinem Team bestmögliche Alternativlösungen geschaffen. Als Wirtschaftsförderung St. Wendeler Land haben wir ein derart breites Tätigkeitsfeld, dass es nahezu keinen Alltag gibt. Man ist kontinuierlich aus der Komfortzone herausgerissen und befindet sich in der Challenge-Zone, wenn ich sie mal so nennen darf. Ich kann täglich an neuen Aufgaben wachsen und mir stetig neues Wissen aneignen. Das ist wirklich ein Geschenk.

Sie haben Ihre neue Aufgabe mitten in der Pandemie übernommen. Inwiefern ist Wirtschaftsförderung in der jetzigen Zeit eine besondere Herausforderung?

Schneider Die Pandemie hat auch bei uns dazu geführt, dass wir nahezu alle Tätigkeitsfelder überprüft und in Teilen neu aufgestellt haben. Zunächst einmal ist im Jahr 2020 ein völlig neues Aufgabenfeld entstanden: die Beratung der Unternehmen bei staatlichen Wirtschafts- und Überbrückungshilfen, Schließungsverordnungen, Testpflichten, Home-Office-Regelungen und vielem mehr. Hinter den Fragen verbargen sich für jeden von uns neue Informationen, die wir uns erst einmal aneignen mussten. Des Weiteren gab es mehr Existenzgründungsberatungen als im Vorjahreszeitraum. Der reine Wissens- und Informationstransfer unserer Veranstaltungen ließ sich gut in die digitale Welt übertragen. Anders war es bei Veranstaltungen mit klassischen Vernetzungsaktivitäten, wie zum Beispiel dem Unternehmerfrühstück, dem Business-Lunch oder dem Unternehmertreff. Dieser Netzwerkcharakter war schwer in die digitale Welt zu überführen, ähnlich wie es der Flurfunk beim Home-Office ist. Wir haben dennoch eine Vielzahl an digitalen Veranstaltungen angeboten. Die Herausforderungen der Fachkräftesicherung und -entwicklung sind weiter vorhanden, da der Kontakt in die Schulen aufgrund der Schließungen geringer wurde. Die Innenstadtentwicklung war bundesweit ein großes Thema, über das wir in Corona-Zeiten regional mitdiskutieren und uns am Entwicklungsprozess beteiligen. Die Ansiedlungsanfragen von Unternehmen blieben meines Erachtens eher konstant. Fragen zur finanziellen Förderung von Digitalisierungsvorhaben haben angezogen, was wahrscheinlich auch mit der zunehmenden Entwicklung des Home-Office einherging. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, doch die aufgezeigten Aspekte sollen Folgendes zeigen: In dieser Zeit war es unsere Aufgabe, uns agil aufzustellen und den Unternehmen situationsbezogene Lösungswege aufzuzeigen.

Ist es schon möglich, eine erste Bilanz zu ziehen, wie sehr die Pandemie der Wirtschaft in der Region geschadet hat?

Schneider Ehrlich gesagt hatten wir von Anfang an das Gefühl, dass diese wirtschaftliche Krise zu meistern ist und davon sind wir immer noch überzeugt. Es gab pandemische Phasen oder Entwicklungen, die einen schon mal zum Zweifeln gebracht haben. Dann hat man vielleicht auch mal tief im Innern ein düsteres Szenario gezeichnet, doch diese Gedanken sind schnell verpufft. Die Wirtschaft des St. Wendeler Landes hat sich schon nach der Weltwirtschaftskrise 2008 als sehr krisenfest gezeigt. Natürlich ist die jetzige Krise strukturell eine völlig andere. Und natürlich gibt es Unternehmen beziehungsweise Branchen, die von der Corona-Pandemie hart getroffen wurden. Das schmerzt, doch auch dort wird es Lösungen geben und es wird weitergehen. Bezogen auf das Gesamtbild kann man allerdings klar sagen: Die gesamtwirtschaftlichen Schreckensszenarien sind bis heute nicht in dieser Härte eingetreten. Auch dieses Mal hat sich unser Wirtschaftsstandort als krisensicher erwiesen und wird es sicherlich auch weiterhin tun. Die diversifizierte Wirtschaftsstruktur mit vielen unterschiedlichen Branchen, einer hohen Dichte an kleineren und mittleren Unternehmen ist auch dieses Mal ein wichtiger Standortfaktor.

Gibt es dennoch Branchen und Unternehmen, die die Corona-Krise besonders hart getroffen hat?

Schneider Hier sind beispielsweise die Veranstaltungsbranche, der Einzelhandel und die Gastronomie zu nennen. Bei einer solchen Aufzählung kann man aber meist nur etwas falsch machen. Sollte ich also eine Branche vergessen haben, bitte ich um Nachsicht. Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich in Zeiten der Lockdowns insbesondere kleinere Betriebe mit Herausforderungen der Pandemie konfrontiert sahen.

Gehen Sie davon aus, dass sich die Unternehmen wieder erholen?

Schneider Im vergangenen Jahr konnte man noch nicht abschätzen, wie und wohin sich dieser wirtschaftliche Einbruch entwickeln wird. Bleiben wir sehr lange in dieser Talsohle oder geht es schnell wieder bergauf? Inzwischen sind sich viele Ökonomen einig, dass wir uns gesamtwirtschaftlich gesehen im Aufwärtstrend befinden. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat für das Jahr 2022 ein vierprozentiges Wachstum der Saarwirtschaft prognostiziert. Das liegt zum einem am ansteigenden Export, aber auch an dem zunehmenden Konsumverhalten der Privatpersonen. Wir alle holen auf ganz individueller Ebene Erlebnisse nach, die uns im vergangenen Jahr verloren gegangen sind. Das macht sich auch wirtschaftlich bemerkbar.

Ihr Vorgänger Hans-Josef Scholl hat vergangenes Jahr in einem SZ-Gespräch erzählt, dass die Wirtschaftsförderung zu Beginn der Corona-Krise viele Anfragen von Unternehmen bekommen hat. Wie sieht es aktuell aus?

Schneider Anfang des Jahres war der Informationsbedarf weiterhin sehr hoch. Es gab Anfragen zur Auszahlung von November- und Dezemberhilfen, zu den Überbrückungshilfen III, der Neustarthilfe oder anderer staatlicher Unterstützungsleistungen. Des Weiteren erreichten uns Fragestellungen zu Testpflichten, Schließungs- und Öffnungsregelungen, die sich jedoch im Verlauf des Jahres gelegt haben. Aktuell erreichen uns die Anfragen in eher unregelmäßigen Abständen. Glücklicherweise haben wir heute eine viel bessere Ausgangslage. Mit den verschiedenen Impfstoffen haben wir Mittel erhalten, mit denen wir die Pandemie bekämpfen können. Vor einem Jahr haben wahrscheinlich wenige von uns damit gerechnet, dass uns so schnell eine medizinische Perspektive aufgezeigt wird.

Was sind derzeit die größten Sorgen der St. Wendeler Unternehmer?

Schneider Die Unternehmer sahen sich mit Umsatz- und Nachfragerückgängen konfrontiert, die sicherlich heute noch spürbar sind. In den Hochphasen der Pandemie haben sich die Fragen weitestgehend um die Sicherstellung der Liquidität gedreht. Wobei wir auch mit unterschiedlichen Branchen gesprochen haben, bei denen sich Corona sogar eher positiv auf das Geschäft ausgewirkt hat. Die Unternehmer fragen sich auch, wie sie sich ein digitales Standbein aufbauen können. Daher haben die Anfragen der Unternehmen in diesem Bereich zugenommen. Die Unternehmen sind außerdem von Lieferengpässen und ansteigenden Preisen für Baumaterialien betroffen. Was wir aber seit diesem Jahr merken: Die Investitionsbereitschaft hat wieder zugenommen.

Wie unterstützen Sie die betroffenen Unternehmen?

Schneider Die Unternehmen erhalten bei uns Informationen und einen allgemeinen Überblick, welche Unterstützungsleistungen es aktuell gibt. Hier liegt der Fokus auf Finanzierungs- und Wirtschaftshilfen. Wir helfen bei Fragen zu unterschiedlichen Anträgen, die von den Unternehmen gestellt werden. Außerdem vernetzen wir die Unternehmen mit zuständigen Netzwerkpartnern, Ministerien und Fördergebern. Sprich: Bei Fragen zu aktuellen Hilfestellungen können sich die Unternehmen gerne bei uns melden.

Gehen Sie davon aus, dass sich die wirtschaftliche Struktur in der Region durch die Pandemie verändern wird?

Schneider Ich glaube, dass sich unsere Wirtschaftsstruktur weiterhin aus einer Vielzahl an kleineren und mittleren Unternehmen zusammensetzen wird. Das ist einfach eines unserer wirtschaftlichen Standortmerkmale. Allerdings finde ich, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um über die Weiterentwicklung unsere Wirtschaftsstruktur nachzudenken. Wir haben in jüngster Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass es viele Unternehmensgründungen in zwei Bereichen gibt: Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Ich denke, es ist sehr sinnvoll, ein gesondertes Augenmerk auf Unternehmen dieser Zukunftsbranchen zu richten, ohne die traditionellen Betriebe zu vernachlässigen.

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Monaten auf die Unternehmen in der Region zu? Welche auf die WFG?

 Julian Schneider, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land.
Julian Schneider, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land. Foto: Schneider

Schneider Eine Herausforderung wird sicherlich die pandemische Entwicklung im Herbst sein. Wie entwickelt sich die Corona-Pandemie in den nächsten Monaten? Und vor allem: Wie geht man damit um? Aktuell zeigen zumindest unterschiedliche Expertenmeinungen, dass man nun eine ganz andere Ausgangslage hat. Ich hatte das Stichwort Impfstoff schon genannt. Die Unternehmen sehen sich außerdem nachhaltig mit einer Veränderung im Konsumverhalten der Privatpersonen konfrontiert. In den vergangenen Monaten wurde eben viel mehr online eingekauft. Die Attraktivität des Vor-Ort-Einkaufs muss wieder verstärkt kommuniziert werden. Nichtsdestotrotz ist eine digitale Aufstellung des eigenen Geschäftsmodells unabdingbar. Für uns als Wirtschaftsförderung zeichnet sich eine klare Verschiebung in den Aufgabenschwerpunkten ab: Es wird definitiv mehr Digitalisierungsberatung geben, da Unternehmen den Handlungsbedarf erkannt haben. Außerdem wird das Thema Bestandspflege zunehmen. Darunter ist zu verstehen, dass wir die Unternehmen hoffentlich wieder vermehrt vor Ort besuchen können, um von ihren direkten Bedarfen zu erfahren. Man erhält dabei ein viel tieferes Bild vom Unternehmen und kann völlig neue Hilfestellungen ableiten. Da sich die Investitionsbereitschaft bei vielen Unternehmen im Vergleich zu 2020 erhöht hat, wird der Bereich Fördermittelberatung an Bedeutung gewinnen.