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St. Wendel – Notfallseelsorgerin: Bei einer Geschichte kommen noch heute Tränen

20 Jahre Notfallseelsorge St. Wendel : Bei einer Geschichte kommen der Notfallseelsorgerin noch heute die Tränen

Seit zwei Jahrzehnten ist das St. Wendeler Team der Notfallseelsorge im Einsatz. Peter und Tanja Munkes erinnern sich an die Anfänge, sprechen über emotionale EInsätze und das, was sie trägt.

Mitansehen, wie das eigene Zuhause in Flammen steht, ein plötzlicher Unfall, der einen geliebten Menschen aus dem Leben reißt. „Die Notfallseelsorge kommt dort zum Einsatz, wo das Leben in ein Davor und ein Danach eingeteilt wird“, sagt Peter Munkes. Der 54-Jährige ist Mitbegründer des St. Wendeler Teams für Notfallseelsorge und Krisenintervention. Pro Jahr werden die Ehrenamtler zu 50 bis 60 Einsätzen gerufen. Jeweils ein Zweier-Team übernimmt im Wochen-Rhythmus die Rufbereitschaft. „In 20 Jahren gab es nie einen Einsatz, den wir nicht bedient haben“, sagt Munkes stolz.

Rückblick: Mit einem Entsendungsgottesdienst sind die Notfallseelsorger am 8. August 2001 gestartet. Mitglieder aus drei Konfessionen (katholische, evangelische und selbständige evangelisch-lutherische Kirche) sowie aus Hilfsorganisationen wollten fortan den Menschen in der Region in schwierigen Situationen beistehen. Die Zahl derer, die sich engagieren, lag über die Jahre in der Regel zwischen 15 und 20. Die St. Wendeler Gruppe ist autark, gehört aber zum landesweiten Verein Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland. Dieser wiederum ist als Fachdienst im Katastrophenschutz verankert.

Peter Munkes bildet zusammen mit seiner Frau Tanja ein Einsatz-Team. In zwei Jahrzehnten haben sie einiges erlebt, Situationen, die unvergessen bleiben. Sie erinnern sich auch daran, dass es eine Weile brauchte, bis die Notfallseelsorger akzeptiert wurden. Dabei war Ehepaar Munkes vielen Einsatzkräften bereits durch ihre Arbeit beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) bekannt. Aber was genau sie in der Rolle des Notfallseelsorgers machten, schien sich so mancher anfangs zu fragen. Das ist inzwischen ganz anders. „Wir sind integriert“, sagt Peter Munkes. Und seine Frau ergänzt: „Im Team der Hilfskräfte fühlt man sich getragen.“

Tränen bei Erinnerung an Verkehrsunfall von Jugendlichen

Wichtig sei aber auch der Zusammenhalt innerhalb der Seelsorge-Truppe. „Wir können anderen beistehen, weil wir einander beistehen“, betont der 54-Jährige. So sei es keine Frage, dass jemand einen Einsatz aus persönlichen Gründen ablehnen oder auch mal eine Pause einlegen könne. Peter Munkes ist von Beruf Diakon. Er wird  von seinem Glauben getragen, wie er sagt. Auch seine Frau Tanja geht mit dem Gedanken an Gott in die Einsätze. Und noch etwas ist für die 52-Jährige ein wichtiges Ritual. „Ich brauche meine Einsatzjacke. Denn die kann ich danach an den Haken hängen.“ Ein symbolischer Akt. Denn unzählige Eindrücke bleiben im Kopf und im Herzen.

So wie ein Verkehrsunfall vor einigen Jahren, bei dem Jugendliche ums Leben kamen. „Wir waren mit acht Leuten vor Ort und haben die Eltern begleitet“, erzählt Tanja Munkes, währenddessen kullern die Tränen. „Es geht darum, da zu sein und den Menschen einen Boden unter den Füßen zu geben“, sagt Peter Munkes. Denn der wurde ihnen gerade entzogen. Notfallseelsorger sind im Akutfall vor Ort. Sobald das persönliche soziale Netzwerk der Betroffenen greift, ziehen sie sich zurück. Allerdings vermitteln sie bei Bedarf den Kontakt zu Stellen, die weitere Unterstützung leisten können.

Das Wichtigste: Zuhören

„Oft werden wir gefragt, was sagt ihr denn da vor Ort?“, erzählt Peter Munkes. Reden sei aber gar nicht das Wesentliche. „Das Zuhören ist wichtig und nicht, 1000 Ratschläge parat zu haben.“ Notfallseelsorger erhalten eine entsprechende Ausbildung, trotzdem sei es entscheidend,  sich auf die Situation vor Ort einzulassen. Die sei oft anders als erwartet. Denn die Ehrenamtler erhalten vorab lediglich knappe Informationen. Ehepaar Munkes weiß noch genau, als ihr Melder zum ersten Mal auslöste. Eine Frau war aus dem Leben getreten, hinterließ ein Kind im Teenageralter. Peter Munkes fuhr zu der angegebenen Adresse. Er atmete durch, betätigte die Klingel. Die Jugendliche öffnete: „Gut, dass Sie da sind. Wie geht das denn jetzt mit Vormund und Versicherung?“

Manchmal übernehmen die Notfallseelsorger an einem Einsatzort auch die Rolle des Vermittlers. Beispielsweise bei einem Unfall, wenn eine Person aus einem Wagen befreit werden muss. „Dann erklären wir den Angehörigen, was passiert. Das hilft ihnen und den Rettungskräften, die dadurch ruhig weiterarbeiten können“, erläutert Peter Munkes. Entsprechende Kenntnisse, was technische Rettung betrifft, haben sie während der Ausbildung sowie bei gemeinsamen Übungen erlangt.

Jenen beistehen, die von einem Unglück betroffen sind, ist das eine. Die Notfallseelsorger helfen aber auch jenen, die helfen. Denn die Einsatzkräfte erleben viele Situationen, die belastend sind, quälen sich mit Bildern und Eindrücken. Wenn es mal nicht genügt, sich mit den eigenen Kameraden auszutauschen, stehen die Notfallseelsorger auch für sie bereit.

Seit 20 Jahren aktiv, erfahren die Ehrenamtler viel Dankbarkeit – nicht in der Akutsituation, sondern meist danach. Öfter hörten sie im Nachgang den Satz: „Es war gut, dass ihr da wart.“ Die Ehrenamtler meistern viele herausfordernde Momente, erleben viel Schmerz, Verzweiflung und Angst. Aber es gibt auch die besonderen Happy Ends. Ehepaar Munkes denkt bei diesem Stichwort sofort an ein Baby, das inzwischen gesund und munter krabbelt. Kaum 14 Tage auf der Welt musste das Kind reanimiert werden, ein Hubschrauber brachte es in die Klinik. Die Sorgen waren riesengroß. Steckte der kleine Körper all das ohne Schäden weg? Heute wissen die Munkes, selbst Eltern von inzwischen drei erwachsenen Kindern, das Baby hat es geschafft.

 Ein Teamfoto der St. Wendeler Notfallseelsorge.
Ein Teamfoto der St. Wendeler Notfallseelsorge. Foto: Munkes

Solche Geschichten tun gut – dem kompletten Team. Als eingeschworene Mannschaft beschreibt Peter Munkes die Notfallseelsorger aus dem Landkreis St. Wendel. „Drei Kollegen mussten wir schon zu Grabe tragen“, sagt Tanja Munkes, und wieder werden die Augen feucht. Auch solch traurige Momente schweißen nochmal zusammen. Und das wiederum gibt Kraft für die nächsten Jahrzehnte.