1. Saarland
  2. St. Wendel

Vereinslose Angler im Landkreis St. Wendel bekommen keine Tageskarten

So mancher Angler ist hier nicht gern gesehen : Warum im Kreis St. Wendel der Kescher leer bleiben muss

Angeln ist in, Angeln boomt. Doch wer im Landkreis St. Wendel seine Rute auswerfen möchte, hat dazu nur wenige Möglichkeiten dazu. Dafür gibt es Gründe.

An der frischen Luft sitzen, die Natur ringsum beobachten, wie sie am Morgen erwacht – oder am Abend zur Ruhe kommt Den Tieren im und rund ums Wasser bei ihrem Tagewerk zuschauen, vom Job abschalten, der Hektik des Alltags entfliehen, eine kleine Auszeit von der Familie nehmen. Und dann der Adrenalin-Klick, wenn endlich einer anbeißt. Es gibt viele Gründe, warum Angeln in unserer hektischen Welt gerade trendy ist. Ganz abgesehen davon, dass ein selbst gefangener und zubereiteter Fisch – frisch, regional und nachhaltig – einfach deutlich leckerer schmeckt, als ein gekaufter. Auch wenn das vielleicht ein kleines Stück weit nur eingebildet sein mag. Fakt ist jedoch: Das Tier ist artgerecht aufgewachsen und musste nicht über hunderte Kilometer hinweg transportiert werden, ehe es in der Pfanne und auf dem Teller landete.

War Angeln schon vor Corona in, hat sich der Trend während der Pandemie und den damit einhergehenden Lockdowns noch einmal verstärkt. Das belegen Zahlen des saarländischen Fischereiverbandes. „Im Jahr 2020 haben rund 3500 Personen die Fischereiprüfung im Saarland abgelegt“, berichtet Jürgen Wittling. Der Berufsschullehrer aus Bliesen ist passionierter Angler und wirkt seit Jahren in unterschiedlichen Funktionen im saarländischen Fischereiverband mit. „Das sind etwa 2000 Prüflinge mehr als im Jahr zuvor. Von den 3500 kommen 700 aus dem Saarland. Insgesamt wurden 2020 landesweit 18 900 Fischereischeine gelöst.“ Einen solchen Fischereischein bekommt nur, wer einen entsprechenden Kurs besucht und erfolgreich die Fischerprüfung abgelegt hat. Mit diesem Schein – er kann für ein Jahr oder für fünf Jahre ausgestellt werden – kann man dann eine Tageskarte für das jeweilige Gewässer erwerben. Soweit die Theorie.

Die Praxis: „Meines Wissens gibt es im gesamten Landkreis St. Wendel keinen Verein mehr, der noch Tagesscheine für seinen Weiher ausgibt“, sagt Wittling. Doch dann kommt er kurz ins Grübeln. Ein Verein im nördlichsten Zipfel des Landes könnte noch Scheine herausgeben. Ein Telefonanruf verschafft jedoch Klarheit: „Bei uns gibt es keine Tagesscheine mehr“, sagt der Vereinsvorsitzende, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Es wurde einfach zu viel Schindluder getrieben. Schonzeiten wurden nicht eingehalten, Höchst-Fangmengen auch nicht. Und die Karten mit den Fängen wurden auch nicht ausgefüllt.“ Das Haupt-Problem dabei: Der Verein hatte überhaupt keinen Überblick, was denn nun tatsächlich an Fisch-Bestand im Weiher war.

Sozusagen „blind“ wurde nachbesetzt, und das kostete dann auch noch meist mehr, als durch Tagesscheine an Einnahmen zu erzielen war. „Dieses Problem hatten eigentlich die meisten Vereine. Es gibt immer Angler, die sich nicht an die Vorgaben halten“, weiß Wittling. Daher vertritt er die Ansicht, dass im Kreis St. Wendel „die Angler ein Stück weit selbst schuld sind an der Situation, wie sie jetzt ist“. Aber nicht nur.

„In der Vergangenheit hatten viele Vereine – und manche haben das heute noch – so eine Art Standesdenken: Das ist unser Weiher, unsere Anlage, unsere Hütte. Da haben wir Arbeit, Zeit und Geld investiert – und da wollen wir eigentlich nicht, dass andere hier angeln. Und dann auch noch unsere Fische mitnehmen“, weiß der Diplom-Handelslehrer. Das habe darin gegipfelt, dass manche Vereine auch nur ungerne neue Mitglieder aufgenommen haben. Mit der Konsequenz, dass inzwischen nicht wenige Angelsportvereine strukturell überaltert sind. Und nun würden sie gerne wieder neue und junge Mitglieder anwerben. Doch da kommt jetzt ein anderes Problem ins Spiel: Gerade junge Menschen binden sich heute nicht mehr gerne an einen Verein, arbeiten mit und investieren ihre knappe Ressource Zeit. Zumal die meisten Vereine von neuen Mitgliedern eine satte Aufnahmegebühr verlangen – da werden schnell mal mehrere hundert Euro fällig. Was zwar nachvollziehbar ist, denn es wurden über die Jahre ja Werte geschaffen – aber es schreckt auch ab. Selbst wenn Ratenzahlungen eingeräumt werden.

Dennoch hat der saarländische Fischereiverband im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Mitgliederzuwachs von zwölf Prozent verbucht. Wie viele davon auf den Kreis St. Wendel entfallen, kann Wittling allerdings nicht sagen. Jedoch vermutet er, dass viele der „neuen“ Mitglieder „alte“ sind. „Ich kenne viele Angler, die inzwischen in mehreren Vereinen aktiv sind, weil sie nicht immer nur an dem ein und selben Gewässer angeln möchten.“ Er selbst ist in vier Angelsportvereinen, nämlich bei den Gewässerfreunden in Bliesen, in der IG Oberes Bliestal, beim ASV Niederlinxweiler, und beim ASV Merzig.

„Ebenfalls ein Problem, das viele Angelsportvereine haben, ist, dass die Vereinsanlagen meist weit außerhalb der Ortskerne liegen. Und wenn man da nicht regelmäßig Weiherfeste oder ähnliche Veranstaltungen organisiert, verliert die Bevölkerung schnell den Bezug zum Verein“, weiß der 57-Jährige.

Auch der Verein in Niederlinxweiler, wo er zweiter Vorsitzender ist, habe „lange Zeit geblockt“, was frisches Blut betraf. Doch nun wäre man auch dort froh über Neuzugänge. Doch wie locken?

„Wir haben uns überlegt, im Herbst ein Schnupperfischen für den Nachwuchs an unserer Weiheranlage zu organisieren. Die Kinder oder Jugendlichen sollen mit einem Elternteil oder einem Erziehungsberechtigten vorbei kommen, der dann auch die ganze Zeit dabei bleibt, und einmal einen Vormittag oder Tag am Weiher verbringen – natürlich unter der Aufsicht von Vereinsmitgliedern, die Ansprechpartner sind, alles im Auge behalten und darauf achten, dass alles waidmannsgerecht abläuft.“

Dass Angler nicht überall einen guten Ruf haben, ist ihm übrigens bewusst. Gerechtfertigt sei das nicht. „Es gibt viele Menschen, die Angler als Tierquäler beschimpfen. Aber das ist nicht so. Alle Angler, die ich kenne, sind Naturschützer und Naturliebhaber – mit Achtung vor der Kreatur. Wer ein richtiger Angler ist, der liebt die Natur, der liebt den Fisch und der achtet das Wohl der Tiere.“ Bis er den Fisch dann an Land zieht und ihn möglichst schonend vom Diesseits ins Jenseits und letztlich gebraten auf den Teller befördert – frisch, regional und nachhaltig.