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Warum wegen Corona die Zahl der Wildschweine im Saarland weiter steigt

Einschränkungen bei Drückjagden : Warum wegen Corona die Zahl der Wildschweine im Saarland weiter steigt

Wildschweine tauchen im Saarland immer häufiger in bebauten Gebieten auf. Sie richten Schäden in Gärten an und ängstigen Anwohnerinnen und Anwohner. Welche Mittel ergreifen CDU/SPD-Landesregierung und die Jäger dagegen?

Wildschweine wüten derzeit vielerorts im Saarland. Sie kommen als Rotten bis in Wohngebiete, wühlen dort ganze Gärten um, machen auch regelmäßig vor dem Grüngelände des Saarbrücker Winterberg-Klinikums nicht halt und ängstigen in Völklingen Anwohner und Schulkinder, wenn sie am hellichten Tag über die Straße oder gar mal auf die Autobahn laufen. Jägerschaft und Saar-Umweltministerium wollen zwar nicht von einer „Wildschweinplage“ reden, betonen aber unisono auf SZ-Anfrage: „In Völklingen, Saarwellingen, Saarbrücken und im Bereich des Warndtwaldes sind erfahrungsgemäß die häufigsten Beschwerden über Wildschweine in den letzten Jahren aufgetreten.“ Bislang sei dem Ministerium aber kein Fall bekannt, in dem im Saarland über Sachschäden hinaus Menschen durch Wildschweine verletzt worden seien.
  Laut Landesjägermeister Josef Schneider „wird das Schwarzwild durchaus scharf und waidgerecht unter Beachtung tierschutzrechtlicher Vorgaben zum Beispiel beim Elterntierschutz bejagt“. Doch sind im Jagdjahr 2020/21 im Saarland nur etwa die Hälfte der Rekordstrecke von über 13 000 erlegten Wildschweinen im vorangegangenen Vergleichszeitraum geschossen worden. Bis Ende des laufenden Jagdjahres Anfang April 2022 könne jedoch noch mit deutlich höheren Abschusszahlen gerechnet werden.

Im Rekordjahr 2019/20 habe das Saarland mit 5,11 erlegten Sauen je Quadratkilometer Landesfläche bundesweit sogar den Spitzenplatz vor Rheinland-Pfalz eingenommen. Im Moment, so beklagt Schneider, machen der Jägerschaft bei den so genannten Drückjagden jedoch erhebliche coronabedingte Einschränkungen und Hygieneauflagen Probleme: „Teilnahme an einer Drückjagd ist seit dem 2. Dezember nur noch nach dem 2G-Prinzip und mit Hygieneauflagen möglich“, sagt Schneider.
Schwierig gestaltet sich laut Umweltministerium oft auch der Abschuss von Wildschweinen in Randgebieten der Städte mit einer erheblichen Anzahl von sogenannten „befriedeten Bezirken“, zu denen beispielsweise auch das Gelände des Winterberg-Klinikums in Saarbrücken zählt. Hier musste der unmittelbar vor dem Haupteingang gelegene Landeplatz für den Rettungshubschrauber inzwischen mit einem Elektrozaun gegen die Schwarzkittel gesichert werden. Kurzzeitige Bejagung im weiteren Umfeld war nur mit Ausnahmegenehmigung und Einsatz von Nachtsichtgeräten möglich.

Selbsthilfeaktionen von Anwohnern wie in Völklingen mit Böllerschüssen oder Chili-Wasserspray gegen die Wildschweine versprechen laut dem Chef der Vereinigung der Jäger des Saarlandes (VJS) Schneider „allenfalls kurzfristig Erfolg bei der Vergrämung des Wildes“. Zu beachten seien der im Grundgesetz verankerte Tierschutz und die Tatsache, dass es sich beim Schwarzwild um eine recht intelligente Tierart mit ausgeprägten Sozialstrukturen handele. „Dauerhaft erfolgversprechend ist lediglich eine intensive Bejagung des Schwarzwildes“, betont Schneider. Und bei dem von Dieter Bonaventura geführten Verein „Ökologisch Jagen im Saarland“, dem zweitgrößten Jagdverband im Land, heißt es: „Ein vernünftiger Grund für das Erlegen von Tieren ist für uns die Verwertung des Tieres und die Abwehr von Schäden.“ Wenn Bachen ihre Frischlinge nicht mehr führten, entfalle auch der Muttertierschutz und sie müssten bejagt werden.

 Landesjägermeister Josef Schneider
Landesjägermeister Josef Schneider Foto: VSJ/Philipp von Recklinghausen

Für den aktuellen Anstieg der Wildschweinpopulation gibt es laut Jägerschaft eine ganze Reihe von Gründen. Diese reichen von Veränderungen in der Landwirtschaft mit mehr Maisanbau – einer schmackhaften Nahrungsquelle für Wildschweine – über die ungewöhnliche Häufung von Eichel- und Bucheckertrachten in unseren Wäldern bis hin zu Auswirkungen des Klimawandels und menschlichem Fehlverhalten. „Passive oder aktive Fütterungen der Wildschweine durch die Bevölkerung in den Gärten durch Essensreste, Katzen- und Hundefutter oder Komposthaufen tragen dazu bei, dass die Wildschweine immer mehr die Scheu vor den Menschen verlieren“, erläutert die Sprecherin des Umweltministeriums, Sabine Schorr. „Viel Futter bedeutet in aller Regel auch viel Frischlinge“, ergänzt Landesjägermeister Schneider. „Hinzu kommt, dass die hohe Frischlingssterblichkeit früherer langer und harter Winter heute nicht mehr gegeben ist“, erklärt der VJS-Chef. Eben eine Folge des Klimawandels.

Über die Höhe der Sachschäden, die Wildschweine im Saarland jedes Jahr und aktuell verursachen, konnten weder Umweltministerium noch Jägerschaft auf SZ-Anfrage hin genauere Angaben machen. „In den gemeinschaftlichen Jagdbezirken sind zunächst einmal die Jagdgenossenschaften wildschadensersatzpflichtig“, heißt es beim Umweltministerium: „Der weit überwiegende Teil aller Wildschäden wird direkt zwischen der geschädigten Person und der ersatzpflichtigen Person (in der Regel die Jagdpächterin oder der Jagdpächter) einvernehmlich geregelt“. In befriedeten Bezirken, wo nicht geschossen werden darf, sind die Garten- und Hauseigentümer für den Schutz ihrer Grundstücke beispielsweise durch sichere Umzäunung gegen Wildschweine selbst verantwortlich. Wildschadensersatzpflicht besteht hier nach Angaben des Ministeriums nicht.