Saartalk von SR und SZ zu Élysée-Vertrag und deutsch-französischer Freundschaft

Saartalk zu Élysée-Vertrag : Frankreich und das Saarland: Es braucht mehr Leute mit „Dibbelabbes-Französisch“

„Von Erbfeinden zu besten Freunden? 60 Jahre Élysée-Verträge“ lautete das aktuelle Thema am Donnerstagabend im Saartalk.

Wie ist es um die viel beschworene deutsch-französische Freundschaft bestellt? Wird die grenzüberschreitende Freundschaft im Saarland aktiv gelebt? Was leistet die Frankreich-Strategie des Saarlandes? „Von Erbfeinden zu besten Freunden? – 60 Jahre Élysée-Verträge“ lautete das Thema im Saartalk anlässlich des anstehenden Jahrestages der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages. Gäste von SR-Chefredakteurin Armgard Müller-Adams und SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst waren Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD), Bundesminister a.D. Peter Altmaier (CDU), Filmproduzentin Claire Doutriaux und Sprachwissenschaftler Professor Philipp Krämer.

Deutsch-französische Freundschaft als „revolutionäre Idee“

Was ist das Besondere an dem Vertrag, der vor 60 Jahren am 22. Januar unterzeichnet wurde? Für Altmaier, der als EU-Beamter und Bundesminister viel an Frankreich- und EU-Themen arbeitete, sind die Unterschriften von Charles de Gaulles und von Konrad Adenauer ein „revolutionärer Akt“. „Es gibt keinen Fall auf der Welt, in dem zwei Völker, die so verfeindet waren, Freunde geworden sind.“

Das war vor 60 Jahren. Aber wie ist es inzwischen um die deutsch-französische Beziehung bestellt? „Es gibt Schwierigkeiten. Aber die Tatsache, dass es diesen Vertrag gibt, und sich die Minister beider Länder treffen müssen, gibt dem Ganzen einen Rahmen, der unglaublich notwendig und ein auch Garant ist“, sagte Doutriaux, Erfinderin und Produzentin des Arte-Formates „Karambolage“. „Ich bin mir sehr sicher, dass es am Sonntag beim Deutsch-Französischen Ministerrat einen starken deutsch-französischen Schulterschluss geben wird“, sagte Rehlinger, derzeit auch Bevollmächtigte der Bundesrepublik für deutsch-französische Bildungs- und Kulturbeziehungen. Die Misstöne vom November seien verhallt, es werden bei dem Treffen gute Beschlüsse gefasst werden, meinte Rehlinger, die aus Berlin zugeschaltet war.

Frankreich-Strategie soll mehr Leben eingehaucht werden

Die Frankreichstrategie des Saarlandes zielt darauf ab, das Saarland innerhalb einer Generation zu einer mehrsprachigen Region zu machen und Französisch als Verkehrssprache zu etablieren. Eine Abkühlphase dieser Strategie nach der Anfangsdynamik macht indes Krämer aus, der Französische Sprachwissenschaften an der Vrije Universiteit in Brüssel lehrt. Als Gründe nannte er die Pandemie und mangelnde Kontakte, zudem habe der ehemalige Ministerpräsident Tobias Hans mit der Strategie gefremdelt. Krämer hat die Grenzschließungen während der Pandemie kritisiert. „Das hatte eine große Symbolwirkung. Es wurden scheinbar vergrabene Stereotype belebt, und die Frankreichkompetenz, routiniert grenzüberschreitend auch in der Krise zu kommunizieren, fehlte.“ Zudem wäre es wichtig gewesen, auch auf Französisch mit der Bevölkerung des Nachbarlandes zu kommunizieren.

Rehlinger will bei der Frankreichstrategie mehr auf die Schulen setzen, und massiv dafür werben. Da die Begeisterung für die Sprache nur über Kontakt und Austausch passieren könne, sollen noch mehr saarländische Schulen Partnerschaften mit französischen Schulen schließen. „Schüleraustausch ist ein ganz großer Schlüssel, da sind wir nicht ganz so gut, wie wir sein sollten“, sagte Rehlinger. Und: „Es geht nicht darum, dass wir Französisch statt Englisch anbieten wollen. Es geht um Mehrsprachigkeit; darum, ein Alleinstellungsmerkmal als besondere Kompetenz zu haben.“

Image von Französisch muss aufpoliert werden

Und wie sieht es auf der anderen Seite der Grenze aus? Doutriaux merkte an, dass in Frankreich seit rund 40 Jahren immer weniger Menschen noch Deutsch lernen. „Wichtiger ist aber, dass Berlin für junge Franzosen ein unglaublich attraktiver Ort ist. Da ist eine riesige Tür aufgegangen, die wichtiger ist, als Schüler zu etwas zu zwingen.“

Das ist auch eine Imagefrage, meint Sprachwissenschaftler Krämer. „Wir müssen Deutsch und Französisch besser verkaufen.“ Französisch lernen hieße, nicht nur ein anonymes Kommunikationsinstrument wie das Englische zu sprechen, sondern sich über Sprache auch als Menschen näherzukommen. Französisch gelte als schwer zugänglich, eine Sprache, in der man ja keine Fehler machen dürfe. Das müsse sich ändern. Krämer rief zu mehr Mut zu Fehlern auf: zum „Dibbelabbes-Französisch“. „Das muss nicht klingen, als sei man Paris aufgewachsen, sondern kann durcheinander gehen. Aber es schmeckt und macht satt.“ Es befriedigt also die Kommunikationsbedürfnisse.