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1. FC Saarbrücken: Berufung im Fall Dennis Erdmann – Richter selbst in Kritik

Prozess voller Unklarheiten und Zweifel : FCS geht in Berufung nach Rassismus-Urteil – Erdmann-Richter selbst für Aussage in Kritik

Der 1. FC Saarbrücken geht im Fall Erdmann in Berufung. Ansätze dafür gibt es zuhauf. Auch der Richter selbst steht in der Kritik.

Fast 18 Minuten dauerte die Urteilsverkündung von Stephan Oberholz, dem leitenden Richter der Sportgerichts-Verhandlung des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), gegen Dennis Erdmann, den Spieler des Fußball-Drittligisten 1. FC Saarbrücken, der in der Partie gegen den 1. FC Magdeburg Gegenspieler rassistisch beleidigt haben soll. Neben dem Strafmaß von acht Wochen Pflichtspielsperre und 3000 Euro Geldstrafe fanden sich darin einige Sätze, die aufhorchen ließen, und Widersprüche, die nicht nur in der vom FCS eingelegten Berufung zum DFB-Bundesgericht aufgeklärt werden müssen, sondern wohl einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs erfordern.

Nachdem am ersten Verhandlungstag bereits Schiedsrichter Robert Kampka ausgesagt hatte, dass er keine der abartigen Äußerungen mitbekommen habe und die Magdeburger sich auch bei ihm weder während noch nach dem Spiel beschwert hätten, gaben auch die Saarbrücker Spieler Adriano Grimaldi, Alexander Groiß, Luca Kerber, Dominik Ernst und Manuel Zeitz sowie der als TV-Experte beim Spiel anwesende Rudi Bommer an, keine rassistischen Ausfälle bemerkt zu haben. „Das Nicht-Hören heißt nicht zwangsläufig, dass die Äußerungen nicht gefallen sind“, wertete Richter Oberholz. Sicher richtig. Doch er dreht damit die Beweislast um.

Normalerweise muss einem Angeklagten die Schuld zweifelsfrei nachgewiesen werden. Jetzt soll Erdmann – was unmöglich ist – zweifelsfrei belegen, nichts gesagt zu haben. „Wir haben keine Erklärung gefunden, warum die Spieler Konteh, Condé und Bell Bell hier lügen sollen“, sagte Oberholz. Sirlord Konteh, Amara Condé und Leon Bell Bell waren am ersten Verhandlungstag zu Wort gekommen. Sie wurden vom Vertreter des Kontrollausschusses, Fred Kreitlow, intensiv befragt. An die vom FCS benannten Zeugen hatte Kreitlow fast keine Frage.

Was sich am Abend des 25. August wirklich auf dem Rasen des Ludwigsparkstadions zugetragen hat, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Dafür, dass sich Erdmann, der von 2017 bis 2019 56 Spiele für Magdeburg bestritt, nach der Partie mit einem Magdeburger lange in der Mixed-Zone freundschaftlich ausgetauscht hat, gibt es Zeugen. Auch dafür, dass er sein Trikot dem Zeugwart des 1. FCM geschenkt hat. Hätten die Gäste da nicht anders reagieren müssen? „Es ist bedenklich und bringt uns in Beweisschwierigkeiten“, fand auch Richter Oberholz, „es ist ein No Go im Kampf gegen Rassismus, dass die Magdeburger Spieler es unterlassen haben, unmittelbar im Spiel oder danach die Dinge anzuzeigen. Weder an den Schiedsrichter noch an Vereinsverantwortliche. Das ist absolut verwerflich.“

Wie die Tatsache, dass Magdeburgs Baris Atik eben nicht zum Schiedsrichter, sondern zur Bild-Zeitung ging mit den Anschuldigungen. Jener Atik, der nach Aussage des saarländischen Schiedsrichters Kai Uwe Kinne beim Abschlusstraining der Bördekicker an der Saarbrücker Sportschule dazu aufgerufen hat, „dem Erdmann die Bänder kaputt zu treten“ und seinen Ex-Club, den 1. FC Kaiserslautern, als „Hurenverein“ diffamierte. Jener Atik, der in der Verhandlung nachweislich falsche Angaben machte. Ein klarer Fall für den Kontrollausschuss des DFB – wenn auch nicht relevant für das Urteil im Fall Erdmann.

Gleiches gilt für die Vorstellung des Spielers Leon Bell Bell durch Richter Oberhof am ersten Verhandlungstag. „Ein lustiger Name. Klingt wie beim Hund“, war dem Richter rausgerutscht – wohlgemerkt einem geschulten Juristen vor einem Rassismus-Prozess und nicht einem Fußballer in einer emotionalen Situation auf dem Platz.

„Möglicherweise sind die Äußerungen in einer provokativen Situation gefallen und stellen ein Stressversagen da. Darum wollen wir Dennis Erdmann keine tiefergehende Neigung in dieser Richtung unterstellen“, räumte Oberhof in der Urteilsbegründung ein, sah es aber als erwiesen an, dass Erdmann rassistische Äußerungen von sich gegeben hat. Dass die Zeugenaussagen sich teilweise widersprechen, unterstütze nach Auffassung des Gerichtes ihre Beweiskraft. „Die Aussagen begegnen uns mit einer Menge von Glaubwürdigkeits-Merkmalen, auch wenn sie in Zeitpunkten und genauen Wortlauten, was Erdmann gesagt haben soll, voneinander abweichen. Dies sind Widersprüche, die nicht dazu führen, dass man diesen Zeugen keinen Glauben schenken kann. In den Kernpunkten stimmen die Aussagen überein.“

Eine Absprache der Aussagen der Magdeburger Spieler hält das Gericht für unwahrscheinlich. „Ein konspiratives Verhalten ist nicht im geringsten Ansatz erkennbar. Eine Verschwörung gegen den Spieler Erdmann, dass drei Spieler ein hinterlistiges Komplott schmieden, nur um Erdmann unter Vorbringung falscher Belastungen zu hohen Strafen zu führen, ist für uns nicht zu erkennen“, sagte der Richter.

Der FCS und Dennis Erdmann gehen in Berufung. „Es gibt kein eindeutiges Ergebnis“, zeigte sich Anwalt Horst Kletke von der Beweisaufnahme nicht überzeugt: „Es ist ein Indizien- und Beweisbewertungsverfahren, das wir in die Hände des Bundesgrichtes geben. Die Schuld muss bewiesen werden.“ Das Dilemma des Verbandes, auf einer Seite klare Kante gegen Rassismus zeigen zu müssen, auf der anderen Seite aber auch die Rechtsstaatlichkeit nicht aus dem Auge verlieren zu dürfen, bleibt bestehen. „Wir haben hier einen juristischen und keinen politischen Fall“, betont Kletke: „Am Ende steht eine Beweiswürdigungs-Entscheidung und keine Entscheidung, wie es wirklich war.“