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Beliebte Tour: Weinwandern an der Saar zwischen Ockfen und Schoden

Abenteuer in der Region : Über Stock und Wein: Wandern an den Hängen der Saar

Der Weg ist steil, das Ziel verlockend. Wer sich auf die Wanderwege rund um die Saar macht, wird mit herrlichen Ausblicken, rassigen Rieslingen und netter Gesellschaft belohnt. Urlaub daheim: Ein Abenteuer mit verblüffendem Ausgang.

Die Sonne sticht aus einem makellosen blauen Himmel. Die Luft ist heiß. Langsam rinnt der Schweiß den Nacken entlang. Die Zunge klebt am Gaumen. Aber noch geht es weiter bergauf. Zum Schodener Herrenberg. Dort, wo ein Meer aus Reben in saftigem Grün an steilen Hängen wächst. Wieviele Stöcke mögen es sein?

Gezählt hat sie natürlich niemand. Aber Mona Steffen, Wein- und Kulturbotschafterin und darüber hinaus selbst Winzerin, weiß, dass an der Saar 790 Hektar mit Reben bepflanzt sind, 80 Prozent davon mit Riesling. Tendenz steigend. Das war nicht immer so. „In den 1980er Jahren gab es Stilllegungsprämien für Weinberge. In Schoden blieben damals von 60 Hektar  Jahre 15 Hektar übrig“, sagt die 35-Jährige. Doch dann passiert etwas Ungewöhnliches.

Mona Steffen schenkt einen Gutsriesling, Jahrgang 2020, vom Weingut Loch aus Schoden aus. „Lochs haben in den 1990er Jahren hier am Herrenberg mit dem Weinbau angefangen, als alle anderen aufgehört haben. Sie begannen als Autodidakten.“ Die Teilnehmer, neun Frauen (plus Hund Toni) und zwei Männer, trinken. Zuerst Wasser, dann herrlich kühlen Wein. (Natürlich nicht der Hund) Der Blick ist märchenhaft. Reben so weit das Auge reicht. Unten im Tal glitzert die Saar.

Nun zieht Mona die Aufmerksamkeit auf einen grauen Eimer und eine Hotte (Rückentrage) am Wegesrand. „Bei der Ernte im Herbst werden die Trauben von Hand gelesen und kommen in so einen Eimer. Hottenträger holen die Behälter, die zwischen den Reihen stehen, ab. Etwa zehn bis zwölf Eimer passen in so eine Hotte.“ Staunen. Es ist ein langer Weg bis nach unten in die letzte Reihe. Sie setzt nach: „Wer ein paar Mal hier hoch- und runtergelaufen ist, weiß, was er am Abend getan hat.“

So einiges erfahren die Teilnehmer an diesem Nachmittag über die Arbeit im Weinbau und seine Geschichte, über die Saarwinzer, die Jungwinzervereinigung Saarkind oder auch wie sich Geologie und Landschaft in Millionen von Jahren verändert haben. Oberlehrerhaft klingt das nie. Und obwohl die Weinwanderer und -innen allesamt aus dem nahen Beurig, Schoden (Kreis Trier-Saarburg) und Trier kommen, lernen sie Überraschendes über ihre Heimat.

Etwa, dass es ganz verschiedene Arten der Reberziehung gibt. Darunter versteht man den Aufbau des Blattwerkes und die Formgebung des Rebstockes durch den Schnitt und die Anordnung seiner Triebe.

Im Schodener Herrenberg erklärt Mona Steffen die Unterschiede von Einzelpfahlerziehung (auch Vertikoerziehung genannt), Drahtrahmenerziehung, Moselherzen an Einzelpfahlerziehung und Umkehrerziehung. „Das sind die Saarpalmen“, witzelt eine Teilnehmerin.

Es geht weiter. Erst runter, dann wieder bergauf. Eine lange Etappe bergauf!!! Erst durch ein kurzes schattiges Stück Wald und dann auf einem Feldweg Richtung Schutzhütte. Mona hat die Wanderung kurzfristig umgeplant. Etwas unfreiwillig. Denn wegen des Unwetters nur wenige Tage zuvor sind Abschnitte der ursprünglichen Route unpassierbar geworden. Normalerweise entfällt der Stich hoch zur Schutzhütte. Dafür gießt sie dort einen ganz besonderen Wein ins Glas: einen Scharzhofberger Kabinett vom Weingut Reichsgraf von Kesselstatt. „Der teuerste Weißwein der Welt kommt aus der Lage Scharzhofberger von Winzer Egon Müller aus Wiltingen“, schmunzelt sie. Für seine 2003er Trockenbeerenauslese aus dieser Lage erreichte der Topwinzer im Jahr 2015 bei der VDP-Versteigerung den Rekordpreis von 12 000 Euro netto pro 0,75 Liter-Flasche. Nicht übel.

Aber wer denkt schon an schnöden Mammon, wenn er die Pracht der blühenden Wiesen mit ihrem leuchtend rotem Klatschmohn bewundern darf? Eben. Und da ein gemeinsames Erlebnis in der Natur schöner ist als ein Gutschein, schenkten die Freundinnen von Elisabeth (37 Jahre) aus Beurig ihr diese Wanderung zum Geburtstag. Elisabeth genießt: „Das Wetter passt. Die Auswahl der Weine ist abwechslungsreich und wenn man dann noch in den Lagen steht, ist es perfekt. Man lernt Weinkultur, denn das geht ja so ein bisschen verloren.“ Ihre Freundin Anna (27 Jahre) ergänzt: „Man lernt seine Heimat nochmal anders kennen.“

So oder so. Oder kulinarisch. Beim Schodener Bismarckturm auf dem Geisberg wartet Monas Mann Chrisi. Er hat aufgetischt für die Vesper. „Hat alles meine Mutter gemacht“, sagt die 35-Jährige stolz. Die Truppe schlemmt bei Rucola-Röllchen, Kartoffel- Nudel- und Möhrensalat, Schinken, Salami, Oliven, Tomaten, Frikadellen, gebratenem Blumenkohl, Brot und Käse aus Frankreich. Dazu kredenzt Mona Steffen zwei Weine: einen 2020er trockenen Riesling von Van Volxem aus der Ortslage Wiltingen und einen feinherben 2019er Riesling namens Aphrodite von den Weber Brüdern, ebenfalls aus Wiltingen. „Entscheidet selbst, was besser zur Vesper passt“, sagt Mona und überlässt das Fachsimpeln ihren Teilnehmern. Längst sind alle zum du übergegangen. Nach der Mahlzeit stehen alle oben auf dem Bismarckturm und lassen sich von Mona einige der besten Lagen der Saar zeigen: Ayler Kupp, Saarfeilser, Wiltinger Schlangengraben, Wawerner und Kanzemer Sonnenberg, Marienberg. Auf dem Weg durch die Lage Ockfener Bockstein erzählt Mona von einer Legende. „Seht ihr da hinten den bewaldeten Bergrücken? Er sieht doch aus wie ein schlafender Mann, oder?“ Jooooo. In etwa. Der Sage nach ärgerte ein Riese die Ockfener Zwerge so sehr, dass sie eines Tages auf Rache sannen. Sie flößten ihm soviel Riesling ein, dass er sich bald hinlegte und schlief. Bis heute. Der Ockfener Bockstein Kabinett vom Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken kann es nicht gewesen sein. Denn so viel Wein, dass ein Riese davon betrunken würde, produzieren Zillikens kaum. Der feinherbe Tropfen beflügelt die Elf auf den letzten Metern und die 38-jährige Christine sinniert: „Wir leben da, wo andere Urlaub machen.“ Stimmt!