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Fallschirmsprung aus 4000 Metern Höhe beim Fallschirmsportzentrum Saar

SZ-Serie Abenteuer in der Region : Im Rausch des freien Falls aus 4000 Metern Höhe (mit Video)

Mit 200 Kilometern pro Stunde im freien Fall der Erde entgegen rasen, bis sich der Fallschirm öffnet. Das tut er hoffentlich. Die SZ-Autorin hat das atemberaubende Freiheitsgefühl des Absprungs aus einem Flugzeug in 4000 Metern Höhe erlebt.

An einem sonnigen Juni-Tag mach ich mich in ungeahnt nervösem Zustand auf den Weg zum Fallschirmsportzentrum Saar, am Flugplatz in Wallerfangen. Dort angekommen geht es erst mal zum Check-In direkt neben dem Flugplatz. Drum herum überall VW-Busse und Wohnwagen. Auf der kleinen Terrasse neben dem Landeplatz für die Fallschirmspringer gibt es Bänke und Tische, ein kleines Café bietet Getränke an. Schnell wird klar: Hier springen nicht nur Profi- und Hobby-Fallschirmspringer, sie scheinen hier auch einen Treffpunkt, eine eigene Community zu haben. Kleine Gruppen sitzen entspannt in der Sonne und warten auf ihren Aufruf zum Sprung. Eine ruhige, bodenständige Atmosphäre, „Wir duzen uns hier alle sofort“, sagt Pascal Schu, Geschäftsführer der Fallschirmsportschule Saar.

Alexis Gebhardt, mein Tandem-Master, hat seine Lizenz seit 2010. Ein großer, sehr ruhiger Mann, der mir bei der Einweisung genau erklärt, weshalb ich in eine Art Geschirr steigen muss. Mit beiden Armen und Beinen durch massive Schlaufen, die am Rücken miteinander verbunden sind. Durch vier Stahl-Karabinerhaken an Schultern und Hüfte und scheinbar unzählige Gurte werde ich später an Gebhardt festgezurrt. Noch ein kurze Übung zur Haltung bei der Landung und eine detaillierte Erklärung dazu, was nun auf mich zukommen wird.

Neben den Tandemsprüngen, die hier gebucht werden können, werden an dem Standort inmitten von Feldern, auch Ausbildungen zu professionellen Springern und Sprunglehrern angeboten. Mit rund 400 Mitgliedern ist sie eine der größten und erfolgreichsten Fallschirmsportschulen Deutschlands, meint Schu. Die hiesigen Springer, auch Schu selbst, haben erfolgreich an zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerben teilgenommen, auch die Deutsche Meisterschaft im September 2021 findet hier statt. Von nah und fern sammeln sich hier Springer. Allen gemeinsam: eine gelassene und ausgeglichene Haltung zum Leben. „Vielleicht kommt das gerade, weil man beim Springen am Wochenende hier einen Ausgleich findet zum Arbeitsalltag. Man ist dann einfach in einer anderen Welt“, sagt Benjamin Treib, der Springer, der meinen Sprung fotografieren und aufnehmen wird.

Schließlich werden wir aufgerufen. „Geh am besten noch zur Toilette davor. Vielen fällt das erst im Flugzeug ein, dann ist es zu spät“, sagt Gebhardt scherzhaft. Danach  steige ich in die Gurte, samt Fliegermütze und Schutzbrille. Mit  Gebhardt im Gleichschritt laufe ich Richtung Propeller-Flugzeug. Ich fühle mich wie Bruce Willis mit seiner Crew auf dem Weg zur Rakete im Film Armageddon.

Zusammen mit dem Mutterverein Fallschirmsportverband Saar e.V. und der DAS Aviation GmbH, die hier zwei Propeller-Turbinen getriebene Absetzflugzeuge vom Typ Cessna 208 Caravan (erfüllen höchste Schallschutz-Anforderungen) betreibt, hat sich hier eine harmonische Dreierkonstellation ergeben. „Die Zusammenarbeit mit der Aviation GmbH klappt wunderbar. Diese stellt auch die Piloten für die Flüge, von denen wir abspringen“, sagt Schu.

Im Propellerwind steigen wir ins Flugzeug, es ist laut, aber aufregend. Auf zwei Bänken links und rechts rutschen wir bis ganz nach hinten, stehen kann man in dem kleinen Absetzflugzeug nicht. Zum Glück, denn meine Knie fühlen sich zu weich an dafür. Hinter mir Gebhardt, neben mir Treib, der ausgestattet mit Kamerahelm mit uns springen wird. Er grinst, als mir Gebhardt nach einiger Zeit zeigt, dass wir 500 Meter Höhe erreicht haben. Das Ausmaß der 4000 Meter Sprunghöhe wird mir erst jetzt klar, als ich nach unten sehe. „Oh Mann, noch 3500 Meter höher? Das ist dann die Häfte des Mount Everest. Verdammt“, sage ich, während mein Herz jetzt doch etwas schneller schlägt.

Nun kettet mich Alexis mit den letzten offenen Gurten noch enger fest, atmen kann man praktisch nur noch im Gleichklang – das gibt auch Sicherheit. „Was dir passiert, passiert auch mir“, sagt Gebhardt beruhigend und betont, was er von Anfang an immer wieder gesagt hat: „Das Wichtigste ist, du genießt den Sprung, du lachst und hast Spaß daran“.

Kameraspringer Treib öffnet die Seitentür und steigt heraus, ist nun außerhalb des Flugzeuges, an dem er sich festhält. Gebhardt schiebt mich sitzend nach vorne, wir erreichen die Tür und ich schaue dem Abgrund „voll in die Augen“. Ein massiver Sog zieht uns nach außen. Ich nehme die abgemachte Haltung ein: Kopf nach links auf Gebhardts Schulter, Hohlkreuz und die Beine in L-Form nach hinten um ihn geschlungen. Eigentlich will sich mein Körper am Flugzeug festkrallen, aber er hat keine Chance.

Ich spüre die massiven Luftmassen, die uns bei dem freien Fall mit zirka 200 Kilometer pro Stunde entgegenkommen. Noch befinden wir uns über den Wolken, die wir aber rasant durchbrechen. Ich kann nur schreien, atmen, schauen, zwischendurch muss ich laut lachen. Das Adrenalin fühlt sich an wie eine positive Explosion im Inneren. So weit weg von der Erde, fühle ich mich in diesem Moment des freien Falls, der zirka 50 Sekunden dauert, trotzdem mehr bei mir selbst, als sonst. Es gibt nur mich und diesen atemberaubenden Moment. Nun weiß ich wirklich, was gemeint ist, wenn es in dem Song heißt „...alles was uns groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein“. Meine Aufmerksamkeit ist mal nicht beim Denken, den ganzen Rollen, die man so im Alltag spielen muss. Ich kann einfach nur sein, nichts denken, nur erleben.

Das abgemachte Zeichen: zweimal Klopfen auf die Schulter verpasse ich sogar. Gebhardt zeigt mir damit, dass ich nun die verschränkten Arme vom Gurt wegnehmen und wie ein Vogel ausbreiten kann. Beim zweiten Klopfen auf die Schulter, Hände wieder an den Gurt, denn nun öffnet Gebhardt den Fallschirm. Die Wucht des Öffnens lässt meine Beine nach oben fliegen, ein Schuh hat sich geöffnet, aber das ist angesichts der einzigartigen Aussicht völlig egal.

Wir sind nun bei zirka 1500 Metern und fliegen seicht durch den Wind. Seicht allerdings nur im Vergleich zum freien Fall davor. Wir drehen ein paar Kurven, ich darf sogar mal selber lenken. Im Bauch ein Achterbahngefühl hoch zehn. Ich genieße den Blick über das Saarland und muss fast weinen vor Freude.

Nach zirka acht Minuten Flug gibt Gebhardt das Zeichen, ich strecke die Beine aus, wie wir es geübt haben und wir landen sanft. Treib erwartet uns schon mit der Kamera: „Wie war’s?“ Ich kann nur noch lachen und höre kaum was. Durch die rasante Druckveränderung in der Höhe,  sind meine Ohren noch zu. Dann kann ich immerhin etwas sagen: „Oh mein Gott, Danke!“ Ich klatsche mit beiden ab. Während Gebhardt den Fallschirm einsammelt, wird mir aus dem Geschirr heraus geholfen. Ich unterschreibe, dass ich heil angekommen bin und setzte mich – nun in ähnlich lässiger Haltung wie die anderen Springer – noch kurz auf die Terrasse. Auf der Fahrt nach Hause lache ich fast durchgehend eine halbe Stunde lang mit mir alleine. Das Grinsen in meinem Gesicht hat noch mindestens eine Woche angehalten und ich bin sicher: „Das war nicht das letzte Mal, ich will wieder nach oben.“

Alle Teile der neuen Serie Abenteuer in der Region unter: www.saarbruecker-zeitung.de/sz-serien/sommerserie/