Abenteuer in der Region : Wildnis für Anfänger in der Eifel

Leben verbunden mit der Natur, ohne Handy und mit einfacher Unterkunft: Das wird im Wildnis-Camp in Dahlem vermittelt. Eine Urlaubsform, die süchtig machen kann.

Es regnet in Strömen, als ich das Wildnis-Camp von Uwe Belz in Dahlem erreiche. Aber wer kann sich in der freien Natur das Wetter schon aussuchen? Ich komme an diesem Vormittag nur als Besucherin ins Camp, nicht als Teilnehmer, kann mir die Sache also in Ruhe anschauen, ohne lange bei schlechtem Wetter auszuharren.

Doch den Teilnehmerinnen bei diesem Mutter-Kind-Camp scheint das Wetter herzlich wenig auszumachen. Die Frauen sitzen unter Dach rund um eine Feuerstelle, in der eine Kleine Flamme lodert und wirken sehr zufrieden. Ihre Kinder spielen oder basteln. Keines von ihnen hat ein Smartphone in der Hand. Sie alle haben bereits eine Nacht in dem kleinen Hüttendorf hinter sich und sind offenbar gut ausgeschlafen. Es ist später Vormittag und damit bald Zeit fürs Mittagessen.

Das wird vom Leiter des Camps persönlich zubereitet. Allerdings steht Uwe Belz in Anbetracht des Wetters nicht draußen sondern mixt das Pesto in der Küche im Hauptgebäude des Lagers, wo es nicht ganz so wild zugeht. Hier können alle Vorzüge des zivilisierten Lebens genutzt werden. Auf dem Elektroherd kochen Nudeln und das Pesto wird mit einem Pürierstab gemixt. Aber die Soße selbst ist Natur pur. Die Kräuter wurden zuvor von den Campteilnehmerinnen unter fachkundiger Anleitung gesammelt. Giersch und Brennnesseln, also vermeintliche Unkräuter sind nur zwei der Pflanzen, die diesem Pesto die Würze geben. Dazu kommen noch Olivenöl, Salz und Walnüsse. Ich darf einen Teelöffel voll probieren und es schmeckt mir wirklich gut, auch ohne Käse, der üblicherweise dazukommt.

 Aus den Wildkräutern, die unter fachkundiger Anleitung rund ums Camp gesammelt werden, lässt sich ein gutes veganes Pesto machen.
Aus den Wildkräutern, die unter fachkundiger Anleitung rund ums Camp gesammelt werden, lässt sich ein gutes veganes Pesto machen. Foto: TV/Wildnis-Camp

Die Wartezeit, bis das Essen fertig ist, vertreiben sich die Frauen und ihre Kinder unter anderem mit der Herstellung von Löffeln und Holzschalen. Gefertigt wird eine solche Schale mit Glut, die nach und nach eine Kuhle in das Holz brennt. Katharina hat ihre Schüssel bald fertig. Sie glättet mit Schleifpapier die Oberfläche. Und präsentiert mir auch einen Löffel, den sie ebenfalls selbst gemacht hat. Als Essgeschirr eignet sich die kleine Schale allerdings nicht, bedauert Katharina, denn ein Riss im Holz macht sie undicht. Aber als Dekoobjekt wird sie ihr Werk mit nach Hause nehmen.

Das Mittagessen ist inzwischen fertig und alle genießen das Mahl. Eine feste Sitzuordnung gibt es nicht, jeder sucht sich den Platz, der ihm gerade am meisten zusagt.

Bela ist bereits schon wieder unterwegs. An seiner Kleidung ist deutlich zu erkennen, dass Dreck hier dazugehört. Seine Schuhe und seine Hose weisen Spuren von roter Erde auf. Was ihm hier am besten gefällt? „Der rote Berg“, sagt der Junge. Damit erklären sich auch die roten Flecken an seiner Kleidung. Aber auch das Bogenschießen findet Bela toll.

Doch auch, wenn es ein Wildniscamp ist, wird hier nicht auf echte Tiere geschossen, sondern auf Zielscheiben oder Kunststofftiere. Eines dieser Wildschweine steht im Hüttendorf und lugt um die Ecke.

 Sonja Köhler und Silvia Grasse zeigen, wie mal mit Glut eine Schale formen kann.
Sonja Köhler und Silvia Grasse zeigen, wie mal mit Glut eine Schale formen kann. Foto: TV/Nora John

Auch Sonja Köhler aus Jülich, die mit ihrem Sohn Benn hier ist, erzählt vom roten Berg. Das muss ich mir dann doch mal selbst ansehen. Durch ein Gebüsch führt sie mich zu einem zerklüfteten Gelände aus rotem Gestein. Es sieht beeindruckend aus und es wundert mich nicht, dass die Kinder hier ihre Abenteuerlust ausleben können.

Das Mutter-KInd-Camp ist nur eines von vielen unterschiedlichen Angeboten im Wildnis-Camp. Wie Andrea Wittwer erzählt, richtet sich das jeweilige Programm auch immer ein wenig nach den Teilnehmern. Während zum Beispiel die Frauen Wildkräuter pflücken, geht es beispielsweise bei Vater-Kind-Camps mehr ums Holzhacken oder Bogenschießen. Es gibt aber auch Familiencamps, reine Frauencamps, in denen beispielsweise getrommelt werden kann.

Doch was bewegt Menschen dazu zwar nicht ganz in der Wildnis, aber doch unter sehr einfach Verhältnissen Urlaub zu machen?

Sonja Köhler muss es wissen, denn sie ist bereits zum dritten Mal hier. „Wir sind schon ein wenig süchtig danach“, erklärt sie lachend. Auch ihr 15-jähriger Sohn Ben fühlt sich wohl hier. „Wir sind Draußen-Menschen“, zitiert ihn seine Mutter. Und sie bestätigt, dass der Aufenthalt in der Natur ihr gut tue. Sie ist auch schon einen Schritt weiter gegangen und hat in einer Laubhütte übernachtet, was eigentlich nur den Kindern vorbehalten ist.

Ein besonderes Erlebnis sei aber die Übernachtung in einer Hängematte „unter den Sternen“ gewesen. „Ich hatte Rückenweh am nächsten Morgen, aber es ging mir gut“, schwärmt sie von diesem Erlebnis.

Wieviel die Teilnehmer im Umgang mit der Natur lernen, können sie letztlich selber entscheiden, sagt Andrea Wittwer.

Wer sich wirklich Fertigkeiten, die zum Überleben in der Wildnis notwendig sind, aneignen möchte, kann zum Beispiel erfahren, wie ein Feuer entzündet werden kann ganz ohne Feuerzeug oder Streichhölzer oder sieht, wie man Wasser selber reinigen kann.

Wie ist es ohne Strom auszukommen, was viele Menschen jetzt leidvoll durch die Flutkatastrophe lernen müssen, wird hier auch vermittelt. Ressourcenschonendes Handeln und achtsamer Umgang mit der Natur, das ist auch Dinge, die im Wildnis-Camp vermittelt werden sollen.

Für Sonja Köhler und auch Silvia Grasse aus Sebnitz in der sächsischen Schweiz, die ebenfalls schon mehrfach hier war, ist auch die Begegnung mit anderen Menschen ein Grund, dass sie gerne immer wieder kommt. „Man lernt sich wirklich kenne und kann sich öffnen“, sagen beide Frauen übereinstimmend. Und vor allem jetzt nach den viele Beschränkungen durch die Pandemie sei das ganz wichtig.