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Der Wildtierhandel floriert im Internet ? mit fatalen Folgen

Tierhandel im Internet : Biete: Beuteltiere f?rs Wohnzimmer

Der Online-Handel mit Reptilien, Amphibien und exotischen S?ugern floriert. Tierschutzorganisationen sind alarmiert: Angeboten werden auch Arten, die in ihrem Heimatland gesch?tzt sind und illegal nach Europa geschmuggelt werden.

In freier Wildbahn ist der Kurzkopfgleitbeutler, auch Sugar Glider genannt, selten zu sehen. Denn das Tier, das in Australien und Neuguinea vorkommt und in Baumh?hlen lebt, ist nachtaktiv. Der Sugar Glider ist au?erdem ein Bestseller auf den einschl?gigen Online-Verkaufsportalen, auf denen exotische Wildtiere f?r die private Heimtierhaltung angeboten werden. Sich einen Beutels?uger ins Haus zu holen, ist hierzulande einfacher, als einen Hund aus dem Tierheim zu adoptieren. Der Sugar Glider ist mit wenigen Klicks f?r bis zu 300 Euro zu haben, eine Meldepflicht f?r seinen Besitz gibt es nicht.

Dass das Tier, das eigentlich im Familienbund lebt und mit seiner Flugmembran bis zu 60 Zentimeter weit gleiten kann, in den eigenen vier W?nden nicht artgerecht gehalten werden kann, hindert viele nicht am Kauf. Im Gegenteil. ?Die private Haltung von Wildtieren liegt im Trend. Immer mehr Menschen wollen sich mit etwas ,Besonderem? r?hmen?, beklagt Biologin Katharina Lameter von der Tier- und Naturschutzorganisation Pro Wildlife in M?nchen.

Noch beliebter als exotische S?ugetiere sind Amphibien und Reptilien, wie eine Studie von Pro Wildlife im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes f?r Naturschutz (BfN) im vergangenen Jahr ergeben hat. Sechs Monate lang haben die Tiersch?tzer Online-Verkaufsplattformen nach Angeboten f?r exotische Arten durchforstet. In diesem Zeitraum wurden 2000 verschiedene Arten und mehr als 100 000 einzelne Tiere inseriert; knapp 85 Prozent davon waren Reptilien, der Rest entfiel auf Amphibien und S?uger.

Wie viele Wildtiere in deutschen Haushalten leben, l?sst sich laut Lameter nicht beziffern. Eine Meldepflicht besteht nur f?r Tierarten, die durch das Washingtoner Artenschutzabkommen (Cites) international gesch?tzt sind. Die Krux: F?r 75 Prozent der in Deutschland angebotenen Arten gibt es aktuell keine internationalen Schutzbestimmungen und demzufolge keine Handelskontrollen, was allerdings nicht bedeutet, dass diese nicht selten oder stark gef?hrdet sind. Der Handel mit exotischen Wildtieren wie Reptilien und Amphibien trage somit zum Artensterben bei, lautet das Fazit der Studie.

?Obwohl Deutschland als einer der wichtigsten Absatzm?rkte f?r exotische Heimtiere in der EU gilt, ist der Handel mit Wildtieren kaum reguliert?, sagt Lameter. Demnach k?nnen Tiere, die in ihrem Heimatland unter Schutz stehen, in der EU straffrei verkauft werden, sobald sie au?er Landes geschmuggelt wurden. Besonders begehrt sind dabei Arten, die gerade erst neu entdeckt wurden ? f?r die es noch gar keine Handelsregulierung geben kann. Das nutzen die H?ndler aus. So wurde 2010 auf der Insel Hon Khoai vor Vietnam der Psychedelische Gecko entdeckt. Drei Jahre sp?ter tauchte er erstmals im europ?ischen Heimtierhandel auf, zum Preis von 2500 bis 3000 Euro pro Paar. Inzwischen sei die Echsenart zwar durch das Cites gesch?tzt, am grundlegenden Problem habe sich jedoch nichts ge?ndert. Immer mehr Feldforscher hielten die Fundstelle f?r neu entdeckte Tierarten daher geheim.

Woher die exotischen Tiere kommen, ob es sich bei ihnen also um einen Wildfang oder um eine Nachzucht handelt, verschleiern die H?ndler in den meisten F?llen. Oder sie machen bewusst fehlerhafte Angaben, indem sie Cites-gesch?tzte Arten als Nachzucht ausgeben. Dabei sind Wildf?nge qualvoll f?r die Tiere, die beim Fang, der Lagerung oder beim Transport h?ufig sterben. ?Oft fehlt es den Kunden am Bewusstsein, dass der Fang und letztendlich der Kauf von exotischen Wildtieren f?r den europ?ischen Heimtiermarkt nicht nur einzelnen Arten schadet, sondern auch Lebensr?ume beeintr?chtigen oder sogar zerst?ren kann?, sagt die Pr?sidentin des BfN, Beate Jessel.

Die Tiere k?nnen ?berdies zu einer Gefahr f?r den Menschen werden, wenn mit ihnen Krankheitserreger wie Ebola- oder Sars-Viren eingeschleppt werden. Es entbehre nicht einer gewissen Ironie, dass die Haltung heimischer Wildtiere wie Igel und Eichh?rnchen in der EU untersagt ist, es aber keinerlei Verbote daf?r gibt, beispielsweise ein Erdm?nnchen oder ein K?nguru im Garten zu haben, moniert Lameter. Selbst giftige oder gef?hrliche Tiere d?rfen in einigen Bundesl?ndern ? zum Beispiel in Baden-W?rttemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ? ohne Einschr?nkungen gehalten werden.

Weil die Besitzer die Haltungsanspr?che, die sp?tere Gr??e oder die hohe Lebenserwartung der Exoten untersch?tzen, werden die unliebsamen ?Haustiere? nicht selten nach einiger Zeit wieder entsorgt. ?Die Leidtragenden sind die Tiere, aber ebenso die Auffangstationen und Tierheime, in denen un?berlegt angeschaffte Wildtiere am Ende landen?, sagt Patrick Boncourt, Fachreferent f?r exotische Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund.

3000 beschlagnahmte, ungewollte oder herrenlos aufgefundene Wildtiere befinden sich derzeit allein in der Auffangstation f?r Reptilien in M?nchen. Nicht alle von ihnen k?nnen weitervermittelt werden. ?Einige von ihnen sind krank oder behindert, die will niemand mehr?, erz?hlt der Leiter Markus Baur. Wer sich f?r ein Tier der M?nchner Auffangstation interessiert, muss eine Reihe von Voraussetzungen erf?llen. Erfahrungen in der Haltung von exotischen Wildtieren und ein entsprechender Sachkundenachweis sind Pflicht, genauso wie ein vorheriges Beratungsgespr?ch und die pers?nliche Abholung der Tiere, die beim Online-Kauf h?ufig postalisch versandt werden. F?r die Abgabe von Gefahrentieren gelten noch strengere Bedingungen.

Tierschutzorganisationen wie Pro Wildlife fordern derweil eine sogenannte Positivliste, um den ungeregelten Handel und die Heimtierhaltung von Wildtieren einzugrenzen. Unter anderem Belgien habe bereits eine Positivliste f?r S?ugetiere eingef?hrt, in der 42 Arten f?r die Privathaltung als geeignet eingestuft wurden. Zudem m?ssten der Import, Besitz und Verkauf von Tieren, die in ihrem Heimatland unter Schutz stehen und dort illegal gefangen und au?er Landes geschmuggelt wurden, in der EU verboten werden. ?Schlie?lich fordern wir ein Verbot des Online-Handels mit Wildtieren und kommerziellen Wildtierb?rsen.?