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Sie wollen nicht nur Werbebotschafter sein

Berlin : Sie wollen nicht nur Werbebotschafter sein

Noch immer machen Influencer in Sozialen Medien Reklame für Produkte. Einige achten aber verstärkt auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

(dpa) Soziale Netzwerke wie Instagram und Co. sind Scheinwelten rund um Schönheit und Erfolg. Doch viele sogenannte Influencer, also Menschen, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in Sozialen Netzwerken als Träger für Werbung und Vermarktung infrage kommen, wollen dem nicht mehr folgen  und nur Werbung machen. Sie setzen sich auch für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein.

Immer öfter wollten Influencer nicht mehr nur als Werbebotschafter wahrgenommen werden, sondern auch für eine Idee, die dahintersteht, erklärt Marlis Jahnke, Autorin des Buchs „Influencer Marketing“. Die Unterscheidung sei die Themenwelt, und dass sich Sinnfluencer sehr spezialisieren würden. „Man muss sich genau überlegen: Will ich über nachhaltige Kleidung sprechen oder über Müllvermeidung.“

Bei der Gruppe stünden Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein, Feminismus, Veganismus oder plastikfreies Leben im Mittelpunkt. Massenkonsum stünden sie meist kritisch gegenüber.

Für die Kennerin der Sozialen Medien, Jahnke, ist das Phänomen indes nicht neu. Seit rund zwei Jahren beobachte sie, dass Nachhaltigkeit und veganes Essen auf Plattformen wie Instagram oder Youtube immer mehr Beachtung finde. „Und dann gab es einen großen gesellschaftlichen Einfluss durch die Fridays-for-Future-Bewegung“, sagt Jahnke.

Ebenso habe das Video „Die Zerstörung der CDU“ von YouTuber Rezo zur politischen Meinungsbildung auf den Kanälen beigetragen, ist sich Jahnke sicher. „Da ist bei einigen der Groschen gefallen: Man kann mit seiner Reichweite wirklich etwas bewirken.“

Bei Sinnfluencern, also Influencern mit Sinn, sei der Name Programm. „Ich will den Konsumwahnsinn stoppen und meinen Followern zeigen: Es gibt noch einen anderen Lebensstil, nachhaltig und erfüllt“, sagt Laura Mitulla. Der 26-Jährigen folgen auf Instagram knapp 23 000 Menschen. Etwa halb so viele lesen regelmäßig ihren Blog „The Ognc“. Mitulla sagt von sich selbst, dass sie minimalistisch leben möchte. Für sie bedeute das so wenig Konsum wie möglich.

Aufgewachsen sei Mitulla unter anderem auf dem Binnenschiff ihrer Eltern, „auf vielleicht 30 Quadratmetern. Da hatten wir nichts doppelt und dreifach.“ Als sie ein Teenager war, hätten ihre Eltern das Schiff verkauft und seien in ein Haus nach Berlin gezogen. „Natürlich habe ich damals normal konsumiert, und bin gern mal shoppen gegangen“, erinnert sie sich heute. Aber glücklich habe sie das nicht gemacht. Vor etwa drei Jahren habe sie sich dann entschieden: Sie wolle weg vom Konsumwahnsinn.

„Erstmal sollte man das benutzen, was man schon besitzt“, erklärt die Wahl-Berlinerin. Und wenn man doch mal etwas Neues brauche, sollte man versuchen, es sich zu leihen, gegen etwas einzutauschen oder gebraucht zu erwerben. „Und erst zuletzt kommt für mich ein Neukauf infrage – und dann am besten fair und ökologisch produziert.“

Auch Marie Nasemann setze sich mit nachhaltig produzierter Mode auseinander. 2009 habe sie an der Fernsehsendung „Germany‘s next Topmodel“ teilgenommen. Mode zu verkaufen, habe zu ihrem Beruf als Model dazugehört. „Als 2013 die Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch einstürzte und über 1000 Menschen ums Leben kamen, war das für mich ein Wendepunkt“, sagt sie heute. Unbegreiflich sei es für sie gewesen, zu sehen, dass „Menschen auf der ganzen Welt nach wie vor unter menschenunwürdigen Bedingungen dafür schuften, dass wir ständig etwas Neues zum Anziehen kaufen können.“

Ihr Problem sei gewesen, dass ihre Branche und ihr Beruf genau das aber von ihr verlangten. Nasemann sagt, dass sie damals entschied, sich für fair produzierte Mode einzusetzen. Heute folgen ihr auf Instagram knapp 150 000 Menschen. Seit etwa dreieinhalb Jahren schreibt sie zudem ihren Blog „Fairknallt“.

Trotzdem gebe es sowohl auf Nasemanns als auch auf Mitullas Instagram-Kanälen und Blogs Werbung. Die Influencerinnen erhielten ein Produkt, testeten und fotografierten es, veröffentlichten einen Beitrag und sorgten im Idealfall dafür, dass ihre Follower die Produkte kaufen.

„Unternehmenskooperationen sind nicht per se etwas Schlechtes“, sagt Mitulla. Sie möchte ihren Followern Hilfestellung geben und Produkte präsentieren, die tatsächlich nachhaltig seien, also beispielsweise ökologisch oder plastikfrei. Allerdings verzichte sie darauf, Rabattcodes auszuweisen – zu unnötigem Konsum wolle sie ihre Follower schließlich nicht anregen.

„Einen professionellen Instagram-Kanal zu betreiben kostet eine Menge Zeit und Arbeit“, sagt Nasemann. Dementsprechend sei es sinnvoll und in Ordnung über die Plattform auch Geld zu verdienen. Auch sie möchte ihre Follower über fairen Konsum informieren. „Ich denke mir immer: Konsumiert wird sowieso. Ich möchte nur dafür sorgen, dass bewusst konsumiert wird und wenn gekauft wird, dann auch die sinnvolleren Produkte. Die, die unter fairen Bedingungen entstanden sind.“

Jahnke springt den Sinnfluencerinnen zur Seite: „Ich sehe das Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Werbung gar nicht so kritisch.“ Schließlich gebe es durchaus Marken, die nachhaltig sind. „Ich wünsche mir sogar von den Online-Persönlichkeiten, dass sie mir zeigen, welche Marken wirklich nachhaltig sind, und wo mein Konsum am besten stattfindet.“

Dass diese Menschen als Markenbotschafter beliebt seien, hänge an ihrer Authentizität. Da sei sich Mitulla sicher: „Meine Follower wissen ja, dass ich den Eintrag geschrieben und die Fotos dazu geschossen habe. Ich stehe für das Produkt persönlich mit meinem Gesicht.“

Um als Person auf Instagram erfolgreich zu sein, müsse man glaubwürdig und authentisch sein, sagt auch Jahnke. „Ein Sinnfluencer muss das leben, was er abbildet.“ Nur so könne man eine große Reichweite erzielen. Aber Leidenschaft allein reiche nicht aus, um erfolgreich zu sein. Man müsse Professionalität und Ausdauer mitbringen. Das könne mitunter harte Arbeit sein. „Der Instagram-Kanal geht zum Beispiel mit in den Urlaub. Ihn regelmäßig zu bespielen, ist sehr, sehr wichtig“, sagt Jahnke.

Etwa fünfzehn Stunden pro Woche beschäftigt sich Mitulla derzeit mit ihren Sozialen Netzwerken. Sie habe das Pensum in den vergangenen Monaten heruntergefahren. Auf ihrem Instagram-Account schreibe sie, dass ihr Kanal Fluch und Segen zugleich sei. Segen, weil sie so viele inspirierende Menschen kennengelernt habe. „Andererseits muss ich zugeben, dass ich lange nicht merkte, wie sehr mir das Ansehen anderer Alltage den eigenen raubte.“

Nasemann habe ein Team, das sie unterstütze. So arbeite sie beispielsweise mit dem Nachhaltigkeitswissenschaftler Norian Schneider zusammen. Er helfe ihr bei der Überprüfung von Marken auf deren Nachhaltigkeit hin. „Er gibt mir viele „Neins“ hinsichtlich Kooperationen oder Werbung für Unternehmen“, sagt Nasemann. „Denn gerade versuchen viele Unternehmen, auf den grünen Zweig aufzuspringen und sich aus Marketinggründen nachhaltig zu positionieren.“ Leider stecke bei vielen wenig bis nichts dahinter.

(dpa)