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Grenzen überwinden mit Hirnschmalz und Seilwinde

Grenzen überwinden : Campingurlaub mit Querschnittslähmung

Auch Menschen mit eingeschränkter körperlicher Mobilität können im Wohnmobil auf Reisen gehen. Der Einbau spezieller Hilfsmittel macht es möglich.

Mit dem Schicksal zu hadern, kommt nicht in Frage. „Wir schmieden lieber Pläne, was wir alles sehen und erleben wollen, im Alltag und abseits des normalen Tagesablaufs.“ Dabei hätten Claus und Claudia allen Grund, immer wieder die nahezu unausweichliche Frage nach dem Warum zu stellen. Denn vor drei Jahren verlor Claus bei einem unverschuldeten Motorradunfall seine Gehfähigkeit. Seine inkomplette Querschnittslähmung mit Restfunktion in den Beinen ermöglicht es ihm immerhin zu stehen, sofern er sich mit seinen durchtrainierten Arm- und Bauchmuskeln irgendwo fest- und aufrechthalten kann.

Diese kleine Chance nutzt er auch im Wohnmobil, das die beiden bereits vor dem lebensverändernden Sturz bestellt hatten. Denn sie hatten immer schon den Plan, abseits ausgetretener Pfade zu reisen. „Keine Ahnung, ob wir den Mut gehabt hätten, uns das Fahrzeug danach anzuschaffen. Unter den jetzigen Bedingungen ist es jedenfalls für uns wie ein Geschenk.“

Dieses Geschenk haben sie mit gar nicht so zahlreichen, aber wohlüberlegten Veränderungen ausstatten lassen. Zum Teil legten sie auch selbst Hand an – und das durchaus schweißtreibend. „Wer schon mal unter einem Fahrzeug gelegen hat, um den Unterfahrschutz zu montieren, weiß, wie ärgerlich es ist, wenn man nochmal vorkriechen muss, um einen anderen Schraubschlüssel zu holen.“ Kein Vergleich zu Claus‘ Aufwand, um erst auf seinem Rollbrett wieder unter freiem Himmel zu sein, sich in den Rollstuhl zu hieven und dann den vergessenen Dreizehner-Schlüssel aus der Werkstatt zu holen.

Ursprünglich wurde der Mercedes-Benz Sprinter mit Allradantrieb, Offroad-Reifen und Handschaltung geordert. Letztere konnte problemlos auf Automatik umbestellt werden. Nun muss man wissen, dass Claus als Ingenieur in der Automobil-Zulieferindustrie immer schon einen besonders technischen Blick auf alle Komponenten hatte. Sein Dienstwagen wurde nach dem Unfall mit einem Gasring am Lenkrad nachgerüstet, der ihn aber nur bedingt froh machte. „Ich mochte das System nicht, weil es per Funk unsensibel und zeitverzögert reagierte. Daher machte ich mich auf die Suche nach einer Alternative fürs Wohnmobil.“

Fündig wurde er im baden-württembergischen Kehl. Dort sitzt die Firma Kempf, die einen elektronischen Gasring produziert, der unmittelbar reagiert – perfekt für den technikorientierten Claus. Gebremst wird mittels Hebel rechts neben dem Lenkrad. Enorm wichtig sind die an der Decke montierten Handläufe, an denen er sich vom drehbaren Sitz im Cockpit nach hinten in den Schlafbereich hangeln kann oder aber in die Nasszelle, in der auch entsprechende Handgriffe angebracht sind.

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Für einen Wohnmobilisten stellt es in der Regel kein Problem dar, den Fahrersitz zu erklimmen oder selbigen beim Aussteigen wieder zu verlassen. Mit dem Querschnitt-Handicap sieht das aber anders aus – eine unlösbare Aufgabe aus eigener Kraft. Die pfiffige Lösung dieses Problems wurde schließlich an der Beifahrerseite angebracht: ein klappbarer elektrischer Hubsitz, auf dem Claus nach oben oder unten fahren kann. Damit diese Aktionen nicht im Fahrbahnbereich und weitgehend wetterunabhängig ablaufen können, finden sie rechts statt, da dort auch eine Markise angebracht ist.

Derart ausgestattet hat das Ehepaar bereits Reisen nach Skandinavien und in die Alpen hinter sich gebracht. „In unserem Wohnmobil mit Allradantrieb haben wir die absolute Freiheit. Damit kommen wir zu Zielen, an die wir sonst nur denken könnten.“ Die beiden sprudeln über vor Freude, wenn sie von Furt-Durchquerungen und Stellplätzen in der Natur erzählen, deren Erreichbarkeit in ihrem früheren Leben nur zu Fuß gewährleistet war.

„Ich war auch ein begeisterter Bergwanderer, der keinen Klettersteig gescheut hat.“ Es schwingt kein Missmut in Claus‘ Stimme mit, wenn er davon berichtet. Es spornt die beiden eher zu weitreichenden Plänen an. Das unternehmungslustige Paar besitzt einen ausgeprägten Realitätssinn, verbunden mit dem Willen, seinen Bewegungsradius komplett auszuschöpfen.

Claudia macht keinen Hehl aus ihrer in jüngster Vergangenheit aufgetretenen Sorge: „Was passiert, wenn wir irgendwo stecken bleiben? Allein mit Hirnschmalz und begrenzter Muskelkraft ist nicht jede schwierige Situation zu lösen.“ Das trifft allerdings auch für voll bewegliche Menschen mit ihrem Abenteuergefährt zu. Also kam kürzlich noch eine Seilwinde an den Sprinter, weitestgehend per Funksteuerung und mit Leerlaufkupplung vom Fahrerhaus aus zu bedienen. Es ist keine unnütze Spielerei, sondern eine sinnvolle Ausrüstung, um so wenig wie möglich dem Zufall zu überlassen. Dazu gehört auch ein mehrtägiges Bergetraining mit der Winde, das für praktische Erfahrung unter kontrollierten Bedingungen und eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein sorgte.

 Im umgebauten Sprinter sitzen ein Ring zum Gasgeben und ein Griff zum Bremsen am Lenkrad.
Im umgebauten Sprinter sitzen ein Ring zum Gasgeben und ein Griff zum Bremsen am Lenkrad. Foto: Gundel Jacobi
 Haltegriffe im Gang ermöglichen es Claus, sich selbstständig zu bewegen.
Haltegriffe im Gang ermöglichen es Claus, sich selbstständig zu bewegen. Foto: Gundel Jacobi
 Die Seilwinde am Bug des Sprinters kann per Funksteuerung vom Fahrerhaus aus bedient werden.
Die Seilwinde am Bug des Sprinters kann per Funksteuerung vom Fahrerhaus aus bedient werden. Foto: Gundel Jacobi

Dieses Jahr wollten die Wohnmobilisten eine Traumreise unternehmen und nach Kanada aufbrechen. Leider machte ihnen Corona einen Strich durch die Pläne. Jetzt sind sie auf einem etwas kürzeren Sprung: Demnächst soll es nach Island gehen.