1. Leben
  2. Reise

Reise und Urlaub: Wandern im Westerwald zwischen Wald, Wiese und Weiher

Reise : Der Pfad zum Weltende liegt im Westerwald

Wiesen, Weitblick, Wurzeln – viele W und doch alles ein Wald: der Westerwald. Unser Autor hat ihn besucht. Auf der Königsroute.

Dagmar Brautsch aus Dresden kommt richtig ins Schwärmen, wenn sie über den Westerwald spricht. Der Mittelgebirgszug im Herzen Deutschlands ist für sie „mystisch, ursprünglich und zauberhaft“. Beim Hamburger Joachim Arndt klingt es hanseatisch kühl. „Das hat schon Stil.“

Brautsch ist mit ihrer Freundin Helena Münchs und Arndt mit seinem Kumpel Joachim Cybulla auf dem Westerwaldsteig unterwegs. Die 2008 eröffnete Route gehört heute zu den besten Wanderwegen Deutschlands.

Von Herborn im hessischen Teil des Westerwaldes schlängelt sich der Steig über 235 Kilometer bis nach Bad Hönningen am Rhein. Die Strecken-Experten des Westerwald-Touristik-Service schlagen 16 Etappen vor, in denen er durchwandert werden kann – mit Längen zwischen sechs und 21 Kilometern.

Der Westerwaldsteig hat alles zu bieten, was das Wanderer-Herz höher schlagen lässt. „Wiesen, Wälder, Weitblick – eben noch auf der Höhe und schon wieder im Tal“, bringt es Wanderführer Josef Rüth auf den Punkt. Weiche Waldboden-Wege wechseln sich mit schmalen Pfaden ab, die vom Wurzelwerk der Bäume durchzogen sind und bei denen jeder Schritt wohlüberlegt sein will.

Einer dieser Streckenabschnitte ist der „Weltendepfad“. Er beginnt in einer Talsenke, durch die sich der Fluss Nister schlängelt und an die sich das Dörfchen Alhausen schmiegt. Der Pfad wurde einst in den Fels gehauen, weil die Kinder von Alhausen zur Dorfschule in Stein-Wingert mussten.

Schon damals stiegen sie steile Stufen hinauf und hangelten sich an Stahlseilen entlang, um nicht den Hang hinab in die Nister zu rutschen. Wanderer müssen es ihnen heute nachtun.

Dass das Leben der „Wäller“, wie sich die Westerwälder selbst nennen, nicht einfach war, kann der Besucher des Schieferbergwerks Assberg in der Kroppacher Schweiz erahnen. Seit dem Mittelalter wurde dort Schiefer abgebaut, der als Schindeln die Dächern und Fassaden vieler Westerwälder Häuser wetterfest macht und ihnen mit seinem graublauen Farbton etwas
Trutziges verleiht.

Viele Jahre wurde der Schiefer im Tagebau aus dem Fels gehauen, doch in Assberg trieben die Bergleute einen Stollen ins Gebirge und wagten sich in die Tiefe. Auf einem schmalen Stufensteg kann der Wanderer in diese 20 Meter tiefe Schiefergrotte hinabsteigen und die kantigen, kaltfeuchten Steine auf sich wirken lassen.

An anderer Stelle bauten die Westerwälder Basalt ab. Noch heute ragen die mächtigen Steinsäulen nahe der Gemeinde Rosbach aus dem Grün des Waldes – ähnlich einer Urzeit-Festung.

Früh entdeckten Mönche die fruchtbaren und windgeschützten Westerwald-Täler und ließen sich dort nieder. Die Klosteranlagen von Marienstatt und Marienthal zeugen davon.

In Marienstatt leben heute noch Zisterzienser-Mönche und gestalten ihren Tagesablauf, der von Gottesdienst, Lesung und Arbeit geprägt ist. Marienthal war die Kloster-Heimat verschiedener Orden, unter anderem der Franziskaner. Wanderer können sich an beiden Orten stärken, die Stille genießen, die gepflegten Gärten bewundern und in den Klosterkirchen ein stilles Gebet sprechen.

Der Westerwaldsteig ist die Königsroute. Doch von ihm zweigen elf Rundwanderwege ab – die
Wäller-Touren. Zwischen neun und 21 Kilometern sind sie lang. Auf diesen können Wanderer die regionale Vielfalt dieses Mittelgebirges noch besser kennenlernen.

Wer das Spazierengehen dem strammen Wandern vorzieht, dem empfiehlt Wege-Experte Rüth die zehn Strecken des „kleinen Wäller“. Sie tragen Namen wie „Weg der Sinne“ oder „Häubchen-Tour“ und machen allein deswegen schon neugierig.

Der Westerwald ist auch eine Fahrrad-Region. „1400 Kilometer Radwege durchziehen die facettenreiche Landschaft“, sagt Maja Büttner, die bei Westerwald-Touristik-Service für die Pedalritter zuständig ist. Zehn Hauptstrecken hat sie im Programm, die sowohl anspruchsvolle Radfahrer als auch Gelegenheits-Radler ansprechen.

Eine Tour führt an der Westerwälder Seenplatte vorbei. Sie besteht aus sieben Weihern, die der Graf Friedrich von Wied im 17. Jahrhundert künstlich anlegen ließ, um dort Fische zu züchten. Noch heute sind sie die Heimat von Karpfen, Rotaugen, Saiblingen oder Seeforellen, die im Herbst in großer Zahl geerntet werden, nachdem das Wasser abgelassen wurde.

Der größte ist der Dreifelder Weiher mit einer Fläche von 123 Hektar, der kleinste der Wölferlinger Weiher, der nur einen Hektar umfasst.

Radfahrer können auf der 34 Kilometer langen Weihertour die Seele baumeln lassen und entlang der stillen Wasserflächen bei gemäßigtem Tempo entschleunigen. Sie können zudem viele Vogelarten beobachten – wie Haubentaucher oder Teichrohrsänger, die solche flachen Gewässer zum Blüten und Leben bevorzugen.

An drei dieser Weiher darf gecampt werden. Die Nachfrage nach Stellplätzen ist groß. „Ich könnte die doppelte Fläche vermieten“, sagt Rudi Nathaus, Platzwart des Campingplatzes Freilingen, der am 13,3 Hektar großen Postweiher liegt. Zehn große Campingplätze bietet die Region – oft mit Wasserspaß inklusive.