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Urlaub, Reise: Wildcamping an besonderen Orten in Deutschland, auf Höfen

Camping an besonderen Orten : Und nebenan leben Alpakas und Strauße

Nicht zuletzt in der Pandemie haben viele das Camping für sich entdeckt. Stellplätze sind daher rar. Doch es gibt sie – an besonderen Orten.

Entspannt liegt Labrador Tristan zu Füßen seines Besitzers und hechelt im Schatten der Bäume die frühsommerliche Hitze weg. An die Vögel, die nur wenige Meter entfernt über die Wiese stolzieren, hat sich der Hundeveteran gewöhnt. „Ich war auf der Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Das habe ich gefunden“, sagt der 38-jährige IT-Programmierer Hendrik und streichelt dabei seinem Hund übers dunkle Fell.

Mit seinem Wohnmobil hat der Informatikfachmann aus Sachsen auf der Straußenfarm Riederfeld im mecklenburgischen Lübz Station gemacht. Von seinem Liegestuhl aus kann er das geschäftige Treiben der Straußenvögel in der Koppel gut beobachten.

Wie Hendrik nutzen viele Reisende mit Wohnmobil und Wohnwagen Angebote von Bauernhöfen, Weingütern oder Tierfarmen, um dort Halt zu machen. Für die Routenplanung greifen viele auf die Vorschläge von Landvergnügen zurück, einem bundesweit agierenden Stellplatzvermittler. „Unser Reise- und Genussführer ist regelmäßig ausverkauft“, sagt Geschäftsführer Ole Schnack. Der Katalog liste 230 Betriebe auf, die Reisenden mit Wohnmobilen kostenlos für eine Nacht Stellplätze gewähren. Im Gegenzug hoffen die Anbieter, dass die Gäste im Hofladen oder Weingeschäft einkaufen. So sei ein Gastgebernetzwerk entstanden, das bundesweit 1300 Höfe umfasse.

Auf einer Alpakafarm beobachten Herbert und Sabine Wisböck das Treiben der frisch geschorenen Lama-ähnlichen Tiere. Sie haben mit ihrem selbst ausgebauten Wohnmobil auf der Rückreise nach Bayern einen Zwischenstopp in Gerbstedt, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt gemacht. Über den kostenpflichtigen Anbieter Alpaca-Camping haben sie ihren Stellplatz in freier Natur gebucht. „Hier spürt man Zufriedenheit und Ruhe. Man kann von der Arbeit abschalten und am Abend den Sonnenuntergang genießen“, sagt Herbert Wisböck.

Auf 18 Hektar Fläche bietet Alexandra Scheffler ihre Wiese als Stellplatz an – direkt neben dem Alpakahof auf einem Hügel mit weitläufiger Aussicht auf Wälder und Ackerflächen.

Das Konzept ähnelt dem von Landvergnügen: Statt im Hofladen einzukaufen, zahlen Gäste pro Nacht einen festen Preis. „Wir wollen den Campern ein Erlebnis bieten, draußen in freier Natur übernachten zu können. Gleichzeitig können Gastgeber sich etwas für ihre ungenutzten Flächen dazuverdienen“, sagt Dominik Quambusch, einer der Gründer der Plattform. 700 Plätze werden deutschlandweit angeboten.

Der Deutsche Tourismusverband sieht diese Entwicklung mit Wohlwollen. „Das Angebot wird damit breiter und eine Konkurrenz zu den herkömmlichen Campingplätzen sehen wir nicht“, sagt Verbandspräsident Reinhard Meyer. 36 Millionen Übernachtungen würden auf den Plätzen jährlich gezählt, Tendenz steigend.

  Herbert und Sabine Wisbök in ihrem Wohnmobil auf einer Wiese des Reiterhofs Gut Bösenburg. Dort ist organisiertes Wildcamping möglich.
Herbert und Sabine Wisbök in ihrem Wohnmobil auf einer Wiese des Reiterhofs Gut Bösenburg. Dort ist organisiertes Wildcamping möglich. Foto: dpa/Sebastian Willnow

Monika Helfrich, die mit ihrem Mann auf dem platten Land zwischen Schwerin und Waren an der Müritz eine Straußenfarm aufgebaut hat, bietet Stellplätze an den Koppeln an. Vom Küken bis zum altgedienten Hahn tummeln sich in Gehegen 100 Tiere auf dem weitläufigen Gelände.

Vor allem Tagesausflügler aus Hotels der Seenplatte kämen im Sommer häufiger zu Besuch, um die bis zu 2,5 Meter großen Laufvögel zu beobachten und im Hofladen einzukaufen.

Caravan-Reisende seien anfangs eher die Ausnahme gewesen, bis im Vorjahr die Pandemie die eigene Heimat verstärkt in den Fokus der Deutschen gerückt habe. „Wir dachten, das überrollt uns“, erinnert sich Monika Helfrich an den Ansturm vergangenen Sommer.

In Oberheimbach am Rhein in Rheinland-Pfalz gewährt Winzer Tobias Korn auf seinem Hof ebenfalls Caravan-Reisenden Platz zum Übernachten. „Zwei Stellplätze für kleinere Fahrzeuge haben wir auch direkt am Weinberg. Da wollen die Leute gar nicht wieder weg“, sagt Korn. Mit den Stellplatzangeboten würden Besucher auch an Orte gelockt, an denen Touristen sonst vorbeifahren.

„Vor allem Städter entdecken das Höfe-Hopping für sich oder gehen am Wochenende einfach auf Entdeckungstour“, sagt Ole Schnack von Landvergnügen. Die Beschränkungen während der Pandemie, in der Auslandsreisen lange kaum möglich waren, hätten den Trend zum Reisen im Land verstärkt. „Ohne Corona wäre ich jetzt in Norwegen unterwegs“, sagt Informatiker Hendrik.

Auch das bayerische Paar auf der Alpakafarm, das schon seit über 30 Jahren regelmäßig campt und von Skandinavien bis nach Italien sämtliche Länder durchreist hat, hatte ursprünglich andere Pläne: „Wir hatten es immer aufgeschoben in Deutschland Urlaub zu machen. Wir hatten gesagt, das können wir auch machen, wenn wir älter sind“, erzählt Sabine Wisböck. Durch Corona seien sie mehr in Deutschland unterwegs, „normalerweise wären wir jetzt in Namibia“, sagt Herbert Wisböck.

Der Wohnmobil-Tourismus erlebt nach Angaben des Caravaning Industrie Verbandes seit Jahren einen steten Anstieg. Der Verband verweist auf Erhebungen des Marktforschungsinstituts GfK, nach denen fast jeder vierte Erwachsene in Deutschland erwägt, in den nächsten fünf Jahren einen Caravaning-Urlaub zu unternehmen.

Die Zahl der Neuzulassungen steigt, gebremst nur durch Lieferengpässe der Hersteller. Laut Kraftfahrtbundesamt wurden 2020 in Deutschland etwa 76 000 Wohnmobile zugelassen, ein Plus zum Vorjahr von 40 Prozent.

(dpa)