1. Leben
  2. Treff Region
  3. Kino

„Die Wege des Lebens – The Roads Not Taken“ von Sally Potter im Kino

Jetzt im Kino : Wenn der eigene Kopf zum Gefängnis wird

✮✮✮ Neu im Kino: „Die Wege des Lebens – The Roads Not Taken“ von Sally Potter: Geschichte eines Demenzkranken.

Javier Bardem liegt im Bett und sein Blick geht ins Leere. Unweigerlich erinnert das Bild an den Oscar-Gewinner „Das Meer in mir“ (2005), wo der spanische Schauspieler einen vom Hals abwärts gelähmten Mann spielte, dessen freier Geist in seinem reglosen Körper eingesperrt war.

Aber in Sally Potters „Wege des Lebens“ wird nicht der Körper, sondern der Kopf zum Gefängnis. Der Schriftsteller Leo (Bardem) leidet an einer frühen Form von starker Demenz. Tochter Molly (Elle Fanning) kümmert sich liebe- und aufopferungsvoll um ihren Vater. Sie kann und will ihn nicht aufgeben. Nicht wie ihre Mutter Rita (Laura Linney) oder die Ärzte, die in seinem Beisein über den Vater reden, als sei er nicht im Raum. „Aber ist er hier?“ fragt Rita. Eine rhetorische Frage, auf welche die britische Filmemacherin Sally Potter („Orlando“) eine einfache Antwort verweigert.

Denn im Gegensatz zu Molly kann das Publikum den Abschweifungen des Demenzkranken folgen, der in seinem Inneren die eigene Vergangenheit als dramatische Möglichkeitsform neu durchlebt. Leo reist zurück nach Mexiko zu seiner Jugendliebe Dolores (Selma Hayek) oder nach Griechenland, wo er nach der Trennung von Frau und Kind seinen Roman schreiben will. Wo die Erinnerung aufhört und die alternativen Wirklichkeitsformen beginnen, ist in hier nicht immer klar auszumachen. Aber das Umschreiben der Vergangenheit führt auch in der Phantasie des Demenzkranken nicht zu größerem Lebensglück. Währenddessen gerät Molly in der New Yorker Realität an die Grenzen ihrer Tochterliebe. Ein Zahnarzttermin endet mit eingenässten Hosen und beim Optiker kommt es zum Eklat, während Molly in gestressten Telefonaten beruflich die Felle davon schwimmen.

Äußerst berührend zeigt der Film hier die alltägliche Gratwanderung zwischen Liebe, Verzweiflung und ungesunder Selbstaufopferung, die mit der Betreuung dementer Verwandter einher geht. Potter, deren jüngerer Bruder 2013 früh an Alzheimer gestorben ist, erzählt hier sichtbar aus eigener Erfahrung. „Wege des Lebens“ ist durchdrungen von dem Verlangen diese Vorgänge im Kopf eines Demenzkranken sichtbar zu machen – ein verständlicher Versuch, der jedoch auch in diesem Fall zum Scheitern verurteilt ist. Denn genauso wie Molly die gemurmelten Worte ihres Vaters nur noch errät, kann auch Potters Film über das Geschehen hinter der undurchdringlichen Mauer der Demenz nur spekulieren.

Dabei entwirft sie das etwas stereotype Bild einer männlichen Künstlerpersönlichkeit, die voller Reue auf eigene Egoismen zurückschaut. Dass der Blick zurück im Zustand der Demenz sehr viel widersprüchlicher ausfällt, ist sicherlich auch nur eine Vermutung – aber eine, aus der man einen interessanteren Film hätte machen können.

GB 2019, 86 Min., Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Sally Potter; Kamera: Robbie Ryan; Musik: Sally Potter; Besetzung: Javier Bardem, Ella Fanning, Salma Hayek, Laura Linney.